Frühmorgens erschien mir Kurt Fluri. Ungefragt. Ich konnte ihn wegwischen, doch wenig später tauchte Pirmin Bischof vor meinen noch nicht so wachen Augen auf. Es schien ein anstrengender Morgen zu werden.

Ich wollte zum Aufwachen nur Musik auf Youtube hören, doch die App ballerte mich voll mit Schalmeienklängen für die Steuervorlage – also Bischof-Fluri-Werbevideos. Wer hätte mich als Nächster heimgesucht, hätte ich nicht abgeschaltet?

Wenn dein Tablet weiss, wo du bist, kommt die Werbung für den Ort massgeschneidert: Stadtsolothurner Politiker werben beim Stadtsolothurner. Türe zu, und dann hat man Ruhe und Privatsphäre? In Zeiten von Big Data nicht mehr möglich. Und dies in einer Stadt, die es verbot, auf dem Märet Unterschriften zu sammeln für Initiativen.

Wahrhaftig erschienen sind auch die Eisheiligen. Es war kalt, als Pankraz, Servaz, Bonifaz und die kalte Sophie ihre Tage hatten. Nur wenig gegen sie ausrichten konnte die Kirche, obwohl sie in den letzten Tagen lautstark gegen die Eisheiligen ankämpfte. Denn immer zwischen dem 3. und 15. Mai erklingen zu St. Ursen allabendlich alle elf Glocken gemeinsam, um «über den Reif» zu läuten und die Felder vor dem Frost zu schützen. Um 19 Uhr beginnt die elfte Glocke, im 45-Sekunden-Abstand setzt eine weitere ein, bis alle gemeinsam läuten. Sonst ist dies nur am 1. August, an Silvester, bei Bischofsweihen oder an hohen kirchlichen Festtagen der Fall.

Eine Erscheinung der anderen Art ist vor der St.-Ursen-Kathedrale aufgetaucht. Ich lief vorbei an einem neongelben Wurm, der sich auf der Treppe breitmachte. Aha, es ist wieder Platz-da-Zeit; die Alte-Spital-Aktion im öffentlichen Raum. Man will aufrütteln, dass man gängige Pfade verlässt und nicht nur zielgerichtet auf genormten Routen von A nach B marschiert. Lustig, aber ein wenig planbar. Und so lief ich geradewegs Richtung Zuhause. Ich kam vorbei am mickrigen Maibäumli junger Solothurner, denen die leibhaftig erschienene Bürokratie grösseres verhindert hatte. Vor meinem geistigen Auge erschien mir ein kürzlich erschienener Leserbrief des bekannten Professors Dieter Freiburghaus. «Solothurn stagniert im Hamsterrad», hatte er geschrieben. «Kein neues kulturelles Lüftchen, kein Aufbruch, keine Initiativen.» Zu Hause liess ich mein Tablet ausgeschaltet, damit mir weder Fluri, Bischof noch Roth & Co. erschienen.