Kriegsmobilmachung
Erinnerungen an die Mobilmachung «als wäre es erst gestern gewesen»

Der 89-jährige Alfred Meyer erinnert sich noch gut an den 1. September 1939, den Tag der Kriegsmobilmachung. Der Solothurner war damals 14 Jahre alt und besuchte die Kantonsschule.

Simon Wyss
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Alfred Meyer (89) erinnert sich.

Alfred Meyer (89) erinnert sich.

Hans Ulrich Mülchi

«An diesen Tag erinnere ich mich, als sei es erst gestern gewesen», schreibt er in einem Leserbrief an die Solothurner Zeitung. «Wir haben gewusst, dass der Krieg in Deutschland für uns Schweizer eine Bedrohung darstellt.» Trotzdem sei die Mobilmachung der Schweizer Armee Knall auf Fall durchgeführt worden.

Meyer selber war damals 14 Jahre alt und besuchte die Kantonsschule in Solothurn. Morgens um 9 Uhr sass er in der Englisch-Stunde, als es an der Tür klopfte und zwei Männer eintraten. Ob jemand trommeln könne, wurde gefragt. Trommeln und Schiessen hatte er zuvor als Kadett von einem Militärtambour gelernt. Die Männer schickten ihn nach Hause, wo er seine Kadettenuniform anzog. Diese bestand aus einem Hemd und Militärstoffhosen. «‹Gagufänger› haben wir diese damals genannt», schmunzelt er. Danach wurde er zum Kreiskommando befohlen. Drei andere Jungen fassten Plakate. Darauf stand, wo und wann die Angehörigen der Armee einrücken mussten. Den ganzen Tag zogen die Burschen, Meyer trommelnd, durch die Stadt.

Rund zwei Tage dauerte die Mobilmachung damals. Auch Männer, die nicht dienstpflichtig waren, wurden mobilisiert. Für diese gab es die Ortswehr.

Natürlich ist dies längst nicht Meyers einzige Erinnerung an die Kriegszeit. Auch die Vorbereitung für eine Teilkriegsmobilisierung hat er nicht vergessen. Diese fand Monate später statt. Bauern brachten ihre Pferde auf den Dornacherplatz in Solothurn. «Wir mussten die Tiere dann zu Fuss nach Utzenstorf bringen», erzählt er. Morgens um 3 Uhr rückten die Soldaten ein. Um diese Zeit mussten die Tiere dort bereitstehen. Nach der Ankunft wurden die Helfer mit einem Gamellendeckel Tee und «Bundesziegeln», so nannte man die Armeebiskuits damals, versorgt.

Später erhielt jeder Helfer ein Bahnticket für die Rückfahrt nach Solothurn. «Wir mussten wieder zur Schule gehen. Da war nichts mit schlafen!», meint er schmunzelnd. Später brach Meyer die Kantonsschule ab. Eine militärische Karriere schlug er trotz seiner Tätigkeit als Kadett nicht ein. Auch ein Einrücken in den Krieg blieb ihm erspart. Nach seiner Ausbildung als Schriftsetzer arbeitete Meyer bei der Firma Habegger AG in Derendingen, wo er eines Tages Zeuge eines Flugzeugabsturzes wurde. «Ich befand mich im vierten Obergeschoss, als ich von weit herkommend eine sich im Sturzflug befindende ‹fliegende Festung› der Amerikaner erblickte. Acht weisse Fallschirme landeten später im Birchi.» Ein Pilot sei zwischen 20 und 25 Jahren alt gewesen, die restlichen Insassen zwischen 16 und 18.

Überfliegende Kriegsflugzeuge anderer Länder waren zu dieser Zeit keine Seltenheit. Im Gegenteil: Oft gab es Fliegeralarm, bei dem sich die Leute in den Luftschutzkellern in Sicherheit begeben mussten. Um sich vor Luftangriffen zu schützen, wurde durch die Nacht alles verdunkelt. «Das war unheimlich», erzählt er. Schwarze Tücher hängten vor den Fenstern. «Für Fahrräder gab es sogar extra Sparlampen, die nur schwach brannten», so Meyer. Ab 1941 war der Landdienst obligatorisch für alle Frauen, dienstuntauglichen Männer, Flüchtlinge, Emigranten und Auslandschweizer, die in ihre Heimat zurückkehrten. Die Landwirtschaft verfügte so über 100 000 zusätzliche Arbeitskräfte.