Unter den Studierenden in der Schweiz ist ein Gaststudium an ausländischen Universitäten beliebt. Im akademischen Jahr 2012/13 absolvierten 2698 Studenten und Studentinnen einen Erasmus-Studienaufenthalt im europäischen Ausland, wie Alain Becker, Leiter Erasmus+ bei der ch Stiftung mit Sitz in Solothurn, erklärt. Diese ist mandatiert als nationale Agentur und für die Organisation und Abwicklung der Bildungsabkommen zwischen der Schweiz und der EU zuständig.

Innert zehn Jahren hat sich die Zahl der Erasmus-Studenten verdoppelt. 2002/03 waren es 1519 Studierende, die für drei bis zwölf Monate ihr Studium im Ausland fortsetzten. Aktuell sind rund 140 000 Studierende an einer universitären Hochschule in der Schweiz immatrikuliert. 2011/12 (aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor) kamen 2673 ausländische Studenten vorübergehend in die Schweiz.

Der mit Abstand grösste Austausch findet zwischen der Schweiz und Deutschland statt. Sowohl bei den Outgoing- wie bei den Incoming-Studenten nimmt unser nördliches Nachbarland die Spitzenstellung ein. Auf der Beliebtheitsskala der Schweizer Studierenden folgen Frankreich, Spanien, England, Schweden, Italien und Holland.

Eines der Prinzipien des Programmes sei, dass die Studentinnen und Studenten an ihrer Heim-Universität immatrikuliert bleiben, erläutert Becker. «Damit bezahlen die Studierenden weiterhin Immatrikulationsgebühren an ihrer Schweizer Hochschule, während die Gebühren an der Gastuniversität entfallen.» Gleichzeitig erhielten die Schweizer Austausch-Studenten während ihres Auslandaufenthaltes ein sogenanntes Mobilitätsstipendium als Zuschuss für Unterkunft, Reisekosten, Sprachkurse, usw. Dieses betrage pro Monat rund 250 Euro.

Am Erasmus-Programm können auch Studierende der Fachhochschulen teilnehmen. «Für die Attraktivität der Fachhochschule Nordwestschweiz ist das ein bedeutendes Angebot», sagt FHNW-Generalsekretärin Karin Hiltwein. Das Interesse sei gross. Vor zwei Jahren profitierten 130 Fachhochschulabsolventen vom Erasmus-Programm, im laufenden Jahr werden es über 170 sein. «Für das Studienjahr 2014/15 rechnen wir mit über 200 Austausch-Studenten», blickt Hiltwein nach vorne. Ob diese Interessierten nach dem EU-Entscheid, das Abkommen mit der Schweiz zu sistieren, tatsächlich nochmals über die Bücher gehen müssen, wird sich zeigen: Wie gestern bekannt wurde, wollen die Schweizer Universitäten das Austauschprogramm notfalls in Eigenregie retten.

Die Schweiz nimmt bereits seit 1992/93 am Erasmus-Programm teil. Aufgrund des EWR-Neins 1992 wurde der Vertrag über die direkte Teilnahme der Schweiz am Programm 1995 nicht mehr erneuert. Deshalb nahm die Schweiz bis 2010 nur in Form einer Kooperation teil.

Seit der Unterzeichnung des Bildungsabkommens mit der EU für 2011 bis 2013 war die Vollteilnahme wieder möglich. Da die Verhandlungen zur Weiterbeteiligung wie erwähnt nicht rechtzeitig abgeschlossen werden konnten, ist die Vollteilnahme seit diesem Mittwoch vorerst wieder vom Tisch. Um die damit verbundenen eingeschränkten Teilnahmemöglichkeiten als Drittland zu kompensieren, prüfe man Alternativszenarien zu einer Vollbeteiligung an Erasmus +, heisst es beim Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Entwicklung. Offen ist derzeit, ob die Lösung eine Kooperationsform wie zwischen 1995 bis 2010 sein könnte.

Im Hinblick auf die erwähnte Unterzeichnung des Bildungsabkommens mit der EU für die Jahre 2011 bis 2013 wurde in Solothurn bei der ch Stiftung ein neuer Bereich als nationale Agentur mit rund 35 Arbeitsplätzen aufgebaut. Ob diese nun gefährdet sind, lasse sich jetzt nicht beurteilen, erklärt Sandra Maissen, Geschäftsführerin der ch Stiftung. Aber ein Stellenabbau sei vorerst kein Thema. «Die Stiftung ist weiterhin mit der Umsetzung der Programme ‹Lebenslanges Lernen› und ‹Jugend in Aktion› betraut. Zudem sind wir in die Ausarbeitung der Alternativszenarien für 2014 involviert.»