Abschied
Er wird Solothurn fehlen: Wolfgang Wagmann war dreissig Jahre Stadtredaktor

Wolfgang Wagmann hat heute nach dreissig Jahren seinen letzten Arbeitstag als Stadtredaktor. Er wird Solothurn fehlen. Eine Würdigung.

Fabian Schäfer
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Wolfgang Wagmann geht in Pension – ein Rückblick
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Wolfgang Wagmann 2017 bei der Moderation des Streitgesprächs zwischen Stadtpräsident Kurt Fluri und Herausforderin Franziska Roth.
Wagmann 2014 im Gespräch mit Kurienkardinal Kurt Koch
Der Stadtsolothurner ist an jeder Fasnacht anzutreffen. In den letzten Jahren hat er auch die Chesslete für solothurnerzeitung.ch gefilmt.
Dieses Porträtbild ist schon ein paar Jahre alt. Der Schnauz ist stets da.
Beim Sommerwettbewerb konnte Wolfgang Wagmann sein Wissen auspacken bzw. andere abfragen. Hier gratuliert er dem Gewinner-Paar.
Cervelat grillieren beim Leserwandern.
Auch ein Selfie vom HESO-Stand der Solothurner Zeitung gibt es von ihm.

Wolfgang Wagmann geht in Pension – ein Rückblick

Karikatur: Silvan Wegmann

Dreissig Jahre. Das muss man sich einmal vorstellen. Seit dreissig Jahren ist Wolfgang Wagmann Stadtredaktor der «Solothurner Zeitung». Als er 1990 die Stelle antritt, die seine Lebensstelle werden sollte, ist in der grossen Welt und in der kleinen Stadt vieles ziemlich anders als heute. Unser Alltag funktioniert ohne Internet, in den USA regiert ein vernünftiger Mann, in Berlin ist gerade die Mauer gefallen, die Schweizer Medien florieren, die SZ ist eine unabhängige Zeitung und der Solothurner Stadtpräsident heisst – nein, nicht Kurt Fluri, sondern Urs Scheidegger.

Tatsächlich: Wagmann waltet bereits seines Amtes, als Fluri auf seines noch nicht einmal «spaniflet». Wer schiesst 1993 das historische Foto, auf dem man sieht, wie Scheidegger dem jungen Fluri den Schlüssel zum Ammannamt überreicht? Wagmann natürlich. Wer sonst.

Kurt Fluri nimmt 1993 von seinem Vorgänger Urs Scheidegger den «Stadtschlüssel» entgegen.

Kurt Fluri nimmt 1993 von seinem Vorgänger Urs Scheidegger den «Stadtschlüssel» entgegen.

Solothurner Zeitung

Alles begann mit einem Praktikum

«He, du. Chumm mou übere.» Vermutlich ist ihm mein Name entfallen, aber er meint eindeutig mich. Wenn die Erinnerung mich nicht trügt, beginnt mit diesem Satz meine erste Begegnung mit Wolfgang Wagmann alias Wöfu, wie ich ihn damals natürlich nicht zu nennen wagte. Es ist das Jahr 1999, der erste Tag meines Praktikums bei der SZ. Eine Redaktorin versucht, mir die Computerprogramme zu erklären. Umständlich, wie sie ist, doziert sie derart gründlich, dass es gründlich schiefgeht. Ich verstehe nur Bahnhof. Wagmann scheint es zu bemerken, und als die Kollegin kurz weggeht, ruft er mich zu sich.

Er sitzt ganz in der Nähe – wobei: Was heisst «sitzt»? Er residiert. An einem beeindruckend chaotischen Pult thront der Stadtredaktor in einer mächtigen in jahrelanger Kleinarbeit konstruierten Burg, umgeben von Mauern, Wällen und Türmen aus Zeitungsseiten, Akten, Mappen und Berichten. «Hock mou häre.» In wenigen Minuten zeigt er mir, was ich wissen muss, und lässt alles andere weg. Einfach, klar, ohne Umschweife. Ich atme auf. Und irgendwie, ohne dass er etwas sagt, scheint bald allen im Büro klar zu sein, dass sich fortan Wöfu um den Praktikanten kümmert. Ich merke, dass dieser Mann mit der (damals noch) wilden Mähne hier eine spezielle Position hat.

Den Riecher haben, den Leuten zuhören

Wolfgang Wagmann war ein grossartiger Lehrmeister. Professionell und wunderbar unzimperlich hat er mir in seiner effizienten Bodenständigkeit gezeigt, was zählt: «die Geschichte». Du musst den richtigen Riecher haben, musst den Leuten zuhören, musst mitdenken und merken, wo es eine Geschichte zu erzählen gibt, eine kritische, eine spannende oder auch einfach eine schöne Geschichte. Ich erinnere mich an ausgedehnte Pausen im Foyer vor den Redaktionsbüros, wo man damals noch rauchen durfte. Paffend marschierte Wöfu Wagmann stramm im Kreis, drehte Runde um Runde, von einer Gauloise zur nächsten, immer auf der Suche, auf dieser endlosen Suche nach neuen Geschichten aus seiner Stadt. Später lernte ich auch andere Seiten von ihm kennen.

Als ich zur (längst wieder eingegangenen) Konkurrenz wechselte, war er verärgert und wohl auch enttäuscht. Heute kann ich die Reaktion besser nachvollziehen als damals. Wie auch immer, die Wunden verheilten. Als ich nach Bern ging, trennten sich unsere beruflichen Wege, andere führten uns später wieder zusammen. Heute kann ich nur den Hut ziehen. Wolfgang Wagmann ist ein Meister des Lokaljournalismus, der vielleicht schwierigsten Disziplin unseres Metiers.

Eine absolute Rarität: Einer, der lange genug dabei ist, dass er die Dinge versteht und mit Politikern, Beamten, Firmenchefs auf Augenhöhe reden kann. Einer auch, der schreiben kann, der sogar richtig gut schreiben kann, wenn er will. Und einer, der sich nicht vereinnahmen lässt, der eigensinnig bleibt, seine Ecken und Kanten bewahrt, der schreibt, was er denkt, und sich einmischt, wenn er es für nötig hält, auch wenn es unbequem ist. Wagmann war all die Jahre eine Instanz in Solothurn. Ich würde sagen: die letzte Instanz, im wörtlichen und im übertragenen Sinn.

Ein guter Journalist liebt den Ort, über den er schreibt

Vieles konnte ich von ihm abschauen. Zum Beispiel, wie man sich selber zitiert: Spasseshalber habe ich einmal gesagt, dass ich viel von Wöfu gelernt hätte, und es lange gegangen sei, bis ich es mir wieder abgewöhnt hätte. Das stimmte natürlich nicht. In Wahrheit ging es ganz schnell. Um jetzt aber wieder ernst zu werden: Das Wichtigste hat er mir nicht erklärt, sondern vorgelebt. Ein guter Journalist liebt den Ort, über den er schreibt. Wagmann hat viele Leidenschaften, die Fasnacht, das Gewerbe, die Hafebar und andere mehr – aber seine grösste Leidenschaft ist Solothurn. Und ich behaupte, er liebt auch die Leute hier. Natürlich nicht alle gleich, aber selbst wenn er sich bärbeissig gibt, ist er doch ein verkappter Menschenfreund.

Wir wollen nicht sentimental werden, aber Solothurn verliert heute eine markante Figur. Dreissig Jahre lang hat Wolfgang Wagmann berichtet, erklärt, kommentiert, geschimpft, gejubelt, auf Tausenden von Zeitungsseiten hat er seine Stadt beschrieben und gelegentlich besungen. Man wird ihn vermissen, den treuen und eloquenten Chronisten seiner Heimat. Manche werden wohl erst jetzt merken, was sie an ihm hatten. Viele haben Grund, Wöfu Wagmann dankbar zu sein. Einige sind ihm sogar zu allergrösstem Dank verpflichtet. Zu ihnen gehört der Verfasser dieser Zeilen.

Der Autor: Fabian Schäfer (42) ist Leiter der Bundeshausredaktion der NZZ und lebt mit seiner Familie in Solothurn.

Zwiesprache von zwei Grössen

Wöfu: Mal ehrlich, Kurt, Du bist bei der letzten Stapi-Wahl doch nur noch einmal angetreten, dass Du mich um ein Jahr im Amt überlebst.

KuFlu: Darauf wäre ich nun nicht gekommen, aber jetzt, wo Du das sagst. Wöfu: Eben, endlich kannst Du es zugeben. Wobei ich Dir die 2000-Jahr-Feier im Amt schon gegönnt hätte ...

KuFlu: Das ist sehr freundlich von Dir! Und Du hättest sie dann als einfacher Zaungast geniessen können.

Wöfu: Nun, ja, einfacher Zaungast, wie tönt denn das? Willst Du mich auf den Arm nehmen? Ich bin immerhin ...

KuFlu: Ja, ja, ich weiss ... Du bist weder einfach noch bloss Zaungast, entschuldige bitte.

Wöfu: Ach was, ich wollte nur sagen ...

KuFlu: ... dass Dir egal ist, wer unter Dir Stadtpräsident ist.

Wöfu: So weit wäre ich natürlich nicht gegangen ...

KuFlu: ... aber so gedacht hast Du es Dir schon.

Wöfu: So, jetzt aber genug, mein Lieber! Ich habe ja auch nie behauptet, ich sei der Gründer von Salodurum ...

KuFlu: Das stimmt, das war leider nur eine Fasnachtserfindung.

Wöfu: Aber eine gute! Apropos: Wer ist für Dich der grösste Solothurner?

KuFlu: Schade, dass Munzinger ein Oltner ist, aber er hätte ein grosser Solothurner sein können. Und immerhin wohne ich am Munzingerweg.

Wöfu: Haha, dass ich nicht lache! Eigentlich wolltest Du sagen, dass Du der Grösste bist.

KuFlu: Weisst Du, was sich so an Dir schätze, Wolfgang?

Wöfu: Du sagst es mir gleich.

KuFlu: Wenn Du über andere redest, sprichst Du immer über Dich. Du hast mich nur gefragt, wer der Grösste sei, weil Du es gerne wärst.

Wöfu: Geschoben! Nur noch dies: Wenn Du wirklich der Grösste wärst, hättest Du Dich mehr um die Nöte der Gewerbetreibenden kümmern müssen!

KuFlu: Ah, ich weiss, was Du meinst: Die Stadt hätte den «Chuchilade» subventionieren müssen.

Wöfu: Blödsinn! Ich rede von den Rahmenbedingungen. Erinnerst Du Dich an die «Lex Grill»? Unglaublich.

KuFlu: Das Recht ist kein Spielzeug, das man biegen kann wie eine Bratwurst!

Wöfu: Und das Gewerbe, der «Chuchilade» eingeschlossen, kein Spielball in den Köpfen von Juristenhirnis!

KuFlu: Lassen wir, das. Ich muss noch an eine Sitzung und dann noch an eine.

Wöfu: Gut! Ich muss ja auch noch die Stadtseite von morgen, übermorgen, Samstag und Montag machen.

KuFlu: Du kannst auch nichts anders.

Wöfu: Ja, genau, wie Du. Findest Du nicht auch, wir seien ziemlich ähnlich?

KuFlu: Ganz anders ziemlich ähnlich.

Wöfu: Tschau, bis am Märet. Ich brauche noch Stoff für den «Stadtbummel».

KuFlu: Tschau, machs gut, bis Samstag.

Ausgedacht von: Balz Bruder