Solothurn
Er will die Sonne noch untergehen sehen

Mike Steiner hatte eine Eigentumswohnung mit Aussicht in der Weststadt erworben. Und einen Schock erlebt, als die Überbauung Wildbach im Westen plötzlich doppelt so hoch wie geplant werden sollte. Dagegen kämpft er mit andern.

Wolfgang Wagmann
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Mike Steiner, Weststädter aus Überzeugung, wehrt sich mit andern Anwohnern gegen die neu geplante Überbauung. ww

Mike Steiner, Weststädter aus Überzeugung, wehrt sich mit andern Anwohnern gegen die neu geplante Überbauung. ww

Wolfgang Wagmann

«Etwa dort geht sie im Winter unter.» Markus Bonmonti und Mike Steiner, auf dessen grossen Terrasse wir stehen, habens vom Sonnenuntergang. Den sie gerade erlebt haben, aber nicht wissen, wie lange noch. Denn vor dem Jurabogen unter dem rosaroten Himmel künden hohe Baugespanne von einer Zonenänderung, die es in sich hat. «Wir wollen nicht in eine 17 Meter hohe Wand ohne Fenster sehen», sind sich die beiden einig.

Deshalb haben sie in den letzten 14 Monaten «geweibelt» gegen die neu aufgegleiste Überbauung Wohnpark Wildbach (vgl. Kasten). 106 Unterschriften kamen gegen das Vorhaben zusammen, zehn Parteien erhoben Einsprache. «Was da entstehen soll, passt nicht zu einer Weststadt, die eine bessere Bevölkerungsstruktur erhalten soll. Damit gibts hier nur ein Getto», betonen beide Besitzer von Eigentumswohnungen an der Buchenstrasse immer wieder. Und Mike Steiner fügt hinzu: «Ich bin gerne Weststädter. Ich lebe seit 40 Jahren hier und wollte immer hier wohnen.»

Wohnpark Wildbach wird doppelt so hoch

Die Überbauung Wohnpark Wildbach ist seit 1998 ein Thema. Die damals aus einem städtebaulichen Wettbewerb resultierende Überbauung wurde so nie realisiert, nach diversen Änderungen wurde wenigstens die südlichste Etappe bis jetzt gebaut. Die gewichtigste, nun vorgeschlagene Änderung für die zweite und dritte Etappe betrifft das Bauvolumen und damit die Bauhöhe. So soll das Areal von einer zweigeschossigen Zone mit Attika (W2b) auf viergeschossig mit Attika (W4b) umgezont werden soll. Damit ergäbe sich gegenüber den bisher maximalen 7,5 Metern eine Verdoppelung der Gebäudehöhe. In den neu 298 Wohnungen, verteilt auf insgesamt 14 Blockbauten im Endausbau, fänden 600 bis 700 Personen Platz. Dazu würden rund 400 Parkplätze erstellt, die 1000 Fahrten täglich generieren. Der Gemeinderat hat im März der Änderung des Teilzonen- und Gestaltungsplans mit einer Zweidrittelmehrheit zugestimmt und ihn zur Auflage freigegeben. Eigentümerin des Areals ist die SGI Schweizerische Gesellschaft für Immobilien in Zürich. (ww)

Die wichtigsten Argumente

Doch jetzt ist ihm die Lust an Wohnung mit Aussicht ziemlich vergangen. «Wir mussten einen riesigen zeitlichen und finanziellen Aufwand auf uns nehmen, um unsere Rechte zu wahren», blickt er auf die letzten Monate zurück. Quer durch alle Einsprachen ziehen sich die wichtigsten Argumente gegen die neue Grossüberbauung wie ein roter Faden: Ein solches Vorhaben könne nur mit der Ortsplanungsrevision und nicht «zwischendurch» geplant werden, die neuen 400 Parkplätze, nur durch die Stichstrasse Platanenallee erschlossen und mit Tempo 30 belegt, führten zu erheblich mehr Lärm, ja das Verkehrsaufkommen könne so gar nicht bewältigt werden.

Der Schattenwurf ist ein grosses Thema und damit die absolute Bauhöhe, aber auch die Lärmbelastung, die der entlang der SBB-Bahnlinie geplante Riegelbau in Richtung ihrer Wohnungen absorbiere, kritisieren die Einsprecher. «Wir waren beim Kauf unserer Wohnungen nebenan von einer zweigeschossigen Überbauung mit Attika ausgegangen. Das war für uns okay. Aber nicht so was», zeigt Steiner resigniert wirkend auf die Baugespanne (vgl. Kasten unten).

Auch halte die Infrastruktur der Weststadt mit der monströsen Überbauung nicht Schritt, bezweifeln sie, ob danach der nötige Schulraum künftig verfügbar wäre. Eine Frage, die auch im schriftlichen Mitwirkungsverfahren letztes Jahr aufgeworfen wurde und ebenfalls eine der auffallend dürren Antworten des Stadtbauamtes generierte: «Im Schulhaus Brühl sind noch Kapazitäten vorhanden.»

Keine Lust auf Grederhöfe

Nach dem neuen Raumplanungsgesetz werden Nutzungspläne überprüft und allenfalls angepasst, wenn sich die Verhältnisse «erheblich verändert haben». Eine solche Veränderung und damit Rechtfertigung der Neuplanung des Wohnparks Wildbach sah auch der Grossteil des Gemeinderates in der Eröffnung der neuen SBB-Haltestelle Bellach südlich der Grederhöfe. «Die wird ja kaum benutzt», glauben die beiden Einsprecher nicht an eine grosse Wirkung des öV-Angebots in der Nähe. «Es fahren dann doch alle mit dem Auto herum.» Ohnehin sei die Verdichtung der Weststadt in diesem Ausmass und die Anbindung an die Grederhöfe für sie kein Thema. «Wir wollen uns gar nicht mit den Grederhöfen verbinden», betont Mike Steiner. Generell findet er wie Markus Bonmonti, die Verdichtung der Stadt solle nicht von aussen nach innen, sondern umgekehrt erfolgen.

Derzeit liegen die Einsprachen beim Rechtsdienst der Stadt. Dessen Leiter, Gaston Barth, kann sich dazu nicht äussern. «Wir werden die Einsprachen jedoch raschestmöglich prüfen und dem Gemeinderat vorlegen.»

Vorwürfe der Einsprecher an das Stadtbauam: Die Auskunft sei stets «Zone W2b» gewesen

Zwischen 2011 und 2014 wurden etliche Eigentumswohnungen der Preisklasse bis über eine Mio. Franken entlang der Buchenstrasse an jetzige Einsprecher verkauft. Aktenkundig ist, dass sich die städtische Kommission für Planung und Umwelt schon seit 2011 mit dem Umzonungsbegehren befasste. Offiziell wurden die Anstösser im Mai 2013 zur Mitwirkungsveranstaltung und zum entsprechenden Verfahren begrüsst. An der Veranstaltung waren lediglich fünf Anwohner anwesend. «Die Ausschreibung im ‹Azeiger› haben viele nicht gesehen», so die Kritik der Einsprecher. Etliche potenzielle Käufer hatten sich aber 2011 und 2012 auf dem Stadtbauamt zur Zonierung des freien Landes zwischen ihren künftigen Wohnungen und dem Wildbach erkundigt. Alle bestätigen, dass dort die Auskunft stets «Zone W2b» gelautet und nichts auf eine allfällige Zonenänderung hingedeutet habe. In einem Fall sei auf dem Amt auch gesagt worden, ein vorhandenes Modell der Nachbarüberbauung wäre nicht mehr auffindbar.

Besonders stutzig wurde ein Käuferpaar aus dem Wasseramt (Name der Redaktion bekannt), das von der Mitwirkung 2013 nichts mitbekommen hatte und noch im Februar dieses Jahres das Stadtbauamt für eine Nachfrage zum Bauland vor ihrer künftigen Wohnung aufsuchte. Dort habe man erklärt, es deute nichts auf eine bevorstehende Umzonung hin. «Mitte Mai haben wir von der geplanten Umzonung erfahren. Mit grosser Enttäuschung mussten wir feststellen, dass uns beide Parteien, Verkäufer und Stadtbauamt, nicht korrekt informiert hatten», so das Einsprecherpaar, das seine Wohnung dann im März erworben hatte. Einsprecher schätzen den Wertverlust ihrer Wohnungen auf bis zu «200 000 bis 300 000 Franken», sollte direkt vor ihren Wohnungen neu fünfgeschossig gebaut werden dürfen. Sie machen deshalb in ihren Einsprachen eine «Verletzung von Treu und Glauben» geltend und drohen der Stadt mit Klagen auf Schadenersatz.

Mit solchen sei die Stadt aber noch nie konfrontiert gewesen, betont demgegenüber Gaston Barth, Leiter Rechtsdienst. Ansonsten wollte er – da man sich in einem hängigen Verfahren befinde – zu den Vorwürfen keine Stellung beziehen. Stadtpräsident Kurt Fluri hatte bereits im Gemeinderat erklärt, aufgrund einer rechtmässigen Aufzonung werde mit Sicherheit kein Schadenersatz entstehen. (ww)