Ausstellung

«Er war unser Held der Literatur» – Porträtserie von Peter Bichsel

Elsbeth Leisinger hängt in der Freitagsgalerie Solothurn 16 ihrer Aufnahmen sowie den Text von Ilse Heim auf.

Elsbeth Leisinger hängt in der Freitagsgalerie Solothurn 16 ihrer Aufnahmen sowie den Text von Ilse Heim auf.

46 Jahre lang schlummerte eine Fotoserie mit Porträt-Aufnahmen von Peter Bichsel im Archiv der Zürcher Fotografin Elsbeth Leisinger. Jetzt, zum 80. Geburtstag von Bichsel, sind sie wieder zu sehen.

Ab 6. März zeigt die Fotografin aus der damals festgehaltenen Porträtserie 16 Arbeiten in der Freitagsgalerie in Solothurn.

Wie es dazu kam, erzählt Elsbeth Leisinger: «Ich arbeitete zunächst als junge Fotoassistentin bei der Redaktion der ‹Annabelle› und kam durch einen Zufall zu meinem ersten Foto-Auftrag, da der eigentlich engagierte Fotograf krank wurde. So konnte ich mein fotografisches Talent beweisen: Bei einem Interview, welches Journalistin Ilse Heim beim Maler Varlin in Bondo hielt.»

Offensichtlich gefielen der damals bekannten Kulturjournalistin die Fotos von Elsbeth Leisinger, denn von da an arbeiteten die beiden Frauen zusammen. So kam es auch, dass sich beide eines Nachmittags im Jahr 1969 aufmachten, den Shooting-Star der Schweizer Literaturszene zu besuchen.

Peter Bichsel hatte sich kurz vorher vom Schuldienst verabschiedet und lebte jetzt als freischaffender Schriftsteller mit seiner Familie in einem Einfamilienhaus in Bellach. Soeben waren seine «Kindergeschichten» erschienen.

Ilse Heim fragte Bichsel: «Warum in Bellach, Herr Bichsel?». Bichsel damals: «Ich weiss es nicht. Dieses Haus war zu verkaufen, und da ich überall ein bisschen ungern wohne, ist es mir gleich, wo».

«Alle lasen Bichsel, ‹Frau Blum› und die ‹Kindergeschichten›. Es war die einfache, aber hintergründige Literatur – damals neu –, die uns ansprach. Die Bichsel-Verehrung war gross unter den jungen Leuten», erzählt Leisinger. «Wir fuhren mit dem Auto nach Bellach. Ilse Heim war eine miserable Autofahrerin, und wir verfuhren uns auch mal.»

Zunächst wurde das Gespräch draussen geführt, später führte Bichsel die beiden Frauen durchs Haus in sein «Schreibzimmer». Bichsel habe sehr wohl alles mitgemacht, was die Fotografin vom ihm verlangte. Jedoch wollte er nicht, dass seine Familie auf die Fotos kam.

«Ich hab schon ein bisschen geschwärmt für diesen intellektuellen Mann», gibt Leisinger zu, und auch im Text von Ilse Heim ist Bewunderung für den Dichter nachzuempfinden.

Sie schreibt: «Während unsere Photografin die Lampen installiert, verdeckt Bichsel mit seiner grossen, weichen und freundlichen Hand die Überschrift einer Postkarte, die mit einem Reissnagel an die Wand geheftet ist.‹Wer ist das?› fragt er mich. . . . Ich habe keine Ahnung. Ich rate: Ein Reformator, ein Humanist? . . . ‹sehr interessant›, sagt Bichsel listig.

‹Das ist Andreas Hofer. So sanft sehen Rebellen aus.› Auch Bichsel sieht sanft aus mit seinem runden Gesicht und den Haarkringeln – wie ein Posaunenengel». Leisinger: «Wir blieben etwas mehr als zwei Stunden bei Bichsel.» Im Gespräch ging es in erster Linie um sein soeben erschienenes Buch ‹Kindergeschichten› und über die Fähigkeit des abstrakten Denkens bei Kindern und erwachsenen Lesern.

Zurück auf der Redaktion wurde dann ein Bild der Fotoserie für den Artikel verwendet und einseitig gross abgedruckt. Es wurde eines der wichtigsten Fotos von Elsbeth Leisinger, verwendete es doch auch noch der Luchterhand-Verlag für seine damalige Bichsel-Werbung.

Seit zwölf Jahren ist Elsbeth Leisinger pensioniert, doch die Fotoserie über Bichsel hat sie nie ganz vergessen. «Schon bei seinem 75. Geburtstag habe ich daran gedacht, wie es wäre, eine Ausstellung damit zu bestücken.

Doch jetzt, beim 80., hab ich mir ein Herz gefasst und mal konkret die Fühler Richtung Solothurn ausgestreckt.» Alain Gantenbein, Präsident der Fachkommission Film und Foto beim Kuratorium für Kulturförderung des Kantons Solothurn, war sofort interessiert.

Er nahm Kontakt auf zu Bichsel und zu Ruedi Probst von der Fachkommission Literatur im Kuratorium. Peter Bichsel habe sich ziemlich gefreut, diese Aufnahmen wieder zu sehen, weiss Leisinger.

Rolf Imhof von der Freitagsgalerie war ebenfalls begeistert, und so ist diese Ausstellung, in der 16 Bichsel-Porträts gezeigt werden, ab Freitag, 6. März, dort zu sehen.

«Peter Bichsel» Fotos von Elsbeth Leisinger – Porträtserie aus den Sechzigerjahren. Vernissage: Fr. 6. März, 19–21 Uhr. Bis 28. März. Offen: Jeweils Freitag 16–20 Uhr oder nach Vereinbarung, Tel. 032 622 64 34.

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