Solothurn
Er war schon im «Astoria», als Neil Armstrong noch vom Mond träumte

Am 1. Oktober 1968 übernahm Toni Varese mit seiner Frau Rosmarie das Hotel Astoria in Solothurn. 50 Jahre später führt er das Dreisterne-Haus mit dem stadtbekannten Panorama-Dachrestaurant noch immer zusammen mit seinem treuen, langjährigen Team.

Wolfgang Wagmann
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Toni Farese empfängt auch nach 50 Jahren noch seine Gäste im «Astoria».

Toni Farese empfängt auch nach 50 Jahren noch seine Gäste im «Astoria».

ldu/ww

1. Oktober 1968. Die Russen sind vor wenigen Wochen in Prag einmarschiert. Neil Armstrong trainiert mit seiner Apollo-Crew für die erste Mondlandung im nächsten Sommer. Die in diesem Jahr gegründete Schweizer Hitparade führen an diesem Tag die Beatles mit «Hey Jude» an. Und in Solothurn übernimmt ein gewisser Toni Farese das Hotel Astoria. Vor 50 Jahren also. «Wir hatten den fünf Jahre vorher gegründeten Betrieb von der Hauseigentümerin Migros gepachtet», erinnert sich der Hotelier mit seinen immer noch hellwachen Augen.

Für Migros ein guter Deal. Denn ein Pächter, der ein halbes Jahrhundert lang sein Haus solide führt, gilt als ein absoluter Ausnahmefall. Aber Toni Farese ist nicht einfach ein Überbleibsel aus den 68ern. Fast alle, die ihn begleitet haben, sind noch da. Einzig seine Frau hatte nach 35 Jahren aufgehört. Sie widmet sich jetzt ihren Enkelkindern. Ach ja, der Küchenchef steht auch nicht mehr hinter dem Herd. Aber 40 Jahre war er dabei gewesen – im «Farese-Astoria-Club». Wir kommen noch auf ihn.

«Latein war nichts für mich»

Der junge Toni Varese wuchs in der Nähe von Rom auf, und eigentlich schwebte seinen Eltern vor, dass er die Lehrerlaufbahn ergreifen würde. «Ich besuchte auch das Lehrerseminar. Aber das Latein war nichts für mich.» Farese blieb seinen Schulkindern erspart, stattdessen heuerte er in einem Römer Restaurant an. Mit 19 wanderte er wie so viele seiner Landsleute aus, ins gelobte Land «Svizzera». Als Commis fand er eine Stelle im Interlakner Grand-Hotel Victoria Jungfrau. «Zweieinhalb Jahre war ich auch in England, um Englisch zu lernen.»

Sowie als Oberkellner in weiteren grossen Häusern wie in Lausanne-Ouchy im Hotel Beau Rivage oder in Crans-Montana – jetzt war das Französisch an der Reihe. Dort, im Wallis sollten für Toni Farese wichtige Lebenswürfel fallen. «Ich lernte meine Frau Rosmarie kennen. Sie war Hotelsekretärin.» Die beiden heirateten und übernahmen das Hotel und Restaurant Astoria in Solothurn. Eben, am 1. Oktober 1968. «Wir waren der perfekte Mix. Sie besorgte die Buchhaltung und führte das Büro, ich den Betrieb.» Noch immer wohnt das Ehepaar oben an der Alten Bernstrasse, und ihre Tochter wie auch ihr Sohn arbeiten ganz in der Nähe, im Bürgerspital: sie als Onkologin, er als Nephrolologe (Nierenspezialist).

Ein eingespieltes Team

Regentropfen perlen auf der grossen Scheibe, hinter der im milchigen Licht die ganze Altstadtsilhouette mit der dominanten Kathedrale herübergrüsst. «Strubi!», ruft Toni Varese durchs Restaurant. «Wie lang schaffisch scho bi mir?» Längst ist der Hotelier Solothurner Bürger, aber mit dem «ü» steht er noch immer auf Kriegsfuss. «49 Jahre», antwortet Hedy Strüby. «Und zuerst ein halbes Jahr als Aushilfe.»

Auch schon 46 Jahre ist Eugenia Ramponi an Bord, 40 Jahre Rezeptionist Markus Stebler – bekannt noch als Mitglied des ehemaligen Wirtekonsortiums im «Landhaus». Zusammen weit über 180 Arbeitsjahre zählt also das «Astoria»-Kernteam. «Wir geben jeden Tag unser Bestes. In diesem Beruf braucht es Liebe, Geduld und sehr viel Präsenz.» Doch, doch, «es bizzeli Ferie» habe er schon gehabt, aber nicht viele, erklärt Farese. Denn: «Das Hotel ist immer offen.»

«Nur ein bisschen gefeiert»

Das Viersterne-Haus zählt heute noch 38 Zimmer, während das Dachrestaurant von einst 45 auf heute 110 Plätze angewachsen ist. «Wir haben viele treue Gäste vor allem aus Solothurn, auch mittags.» Bekannt ist das Restaurant für sein fast unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis – noch heute gibts den Renner Rindsfilet für 38 Franken. Früher logierten viele bekannte Sportlerinnen und Sportler im «Astoria.» Darunter «vor allem englische Fussballvereine oder der FC Zürich.»

Damals trainiert vom legendären Tschik Cajkowski («kleines dickes Tschik»), der 1980 auch eine Vorrunde lang erfolglos den FC Grenchen betreut hatte. «Aber heute übernachten Fussballer nur noch in Fünfsternhotels», so Farese. Arg geschadet habe dem Hotel die einjährige Umbauzeit im Haus von Migros. «Jetzt wird es langsam wieder besser.» Aber es brauche Zeit, um die durch den Baulärm vergraulten Gäste wieder zurückzuholen.

«Doch es ist schön, wenn man so lange am gleichen Ort leben kann», zieht Toni Farese schon beinahe eine Bilanz. Nur ein bisschen habe er mit den Gästen die 50 Jahre gefeiert, denn das Leben hoch über den Dächern von Solothurn geht weiter. Wie lange noch, kann der Hotelier nicht sagen. Im nächsten Frühling wird er 85. «Wir schauen schon, was wir machen.» Aber einen konkreten Ausstiegsplan gibt es offenbar noch nicht. Weder für ihn, noch für den Rest des «Farese-Astoria-Clubs.»