«Die 45 Jahre wollte ich erreichen. Dann – so mein Gefühl – habe ich lange genug gearbeitet.» Am 1. April war es so weit: Franz Sailer hatte mit 62 Jahren sein Zielpensum erreicht. Und jetzt verlässt er «seine» Weststadt-Post. Die er seit dem Oktober 1986 geführt hatte.

«Angefangen habe ich in Uster, im Zürcher Oberland als Postbeamter. Dann folgte für sieben Jahre das obligate ‹Welschlandjahr› in Genf, und nach zwei Jahren in Bern bin ich in Solothurn gelandet.» Und geblieben.

Die neue Weststadt-Post hatte ein Jahr zuvor die ehemalige Industriepost an der Gabelung Grenchen- und Weissensteinstrasse ersetzt. Es war noch die gute alte Postzeit, kein E-Mail hatte Brief, Post- und Ansichtskarten oder Telegramm ersetzt, «heute werden kaum mehr Weihnachtskarten geschrieben. Und es gibt Tage im Dezember, da ist es ruhiger als sonst manchmal unter dem Jahr.»

Natel und Versicherungen

Auf der Poststelle an der Allmendstrasse gibt es keine «Nümmerli», die zum Anstehen gezogen werden müssen. «Wir haben das amerikanische Ansteh-System eingeführt», erklärt Franz Sailer. Um eine Bücherwand herum reiht man sich automatisch vor den zwei hauptsächlich geöffneten Schaltern ein. «Dann haben wir noch einen Reserveschalter.»

Das ist aber nicht die einzige Veränderung im «Layout» der Poststelle geblieben. Der Trend zum «Gemischtwaren-Laden Post» machte auch vor der Weststadt nicht Halt. «Die meisten Leute hatten sich daran nicht gestört» – und auch ihm und seinem Personal habe es nichts ausgemacht, beispielsweise Kunden über Versicherungen zu informieren. Mehr Probleme habe es mit dem Natel-Verkauf gegeben. «Uns fehlte das Fachwissen, wie es beispielsweise in den Swisscom-Läden vorhanden ist.»

Der rasante Wandel im Postwesen wird nach Sailers Ansicht weitergehen: «Als ich hier anfing, sortierten wir die Briefpost noch nach Postleitzahl. Jetzt laufen schon Versuche, die A- und B-Post vollautomatisiert zu sortieren», womit dann für das fünfköpfige Poststellen-Personal mit 350 Stellenprozent auch diese Aufgabe wegfallen würde.

Eine der rentabelsten Poststellen

An Arbeit hat es Franz Sailer und seinem Team aber nie gemangelt. Denn «unsere Poststelle gehört zu den rentabelsten der Schweiz», weiss er aus akribisch geführten Statistiken zu jedem Geschäftsbereich. Und so glaubt Sailer auch nicht an eine baldige Schliessung der Poststelle an der Allmendstrasse, ausser es fände sich vielleicht ein Top-Standort für eine einzige noch verbleibende Hauptpost in der Stadt. Eklatant sei in den 30 Jahren vor allem die Zunahme der Paketpost gewesen, und etwas ketzerisch meint Sailer, ohne die Privatkonkurrenz könnte man diese wohl kaum mehr bewältigen.

Ausgesprochen positiv ausgewirkt habe sich aber auch die Verkehrsgunst der Weststadt-Post, «und die Eröffnung der Westumfahrung hat uns ebenfalls eher geholfen.» So sei der Umsatz seiner Poststelle bis Ende 2015 eigentlich ständig gewachsen – denn der Kundenkreis erweiterte sich immer wieder. «Wenn die Post in Arch zu ging, hatten wir mehr Leute aus Arch, wenn jene in Oberdorf schloss, kamen mehr Oberdörfer», blickt Franz Sailer auf eine Entwicklung zurück, die auch die Stadt Solothurn schon vor 15 Jahren mit der damals sehr emotional bekämpften Schliessung der Steingrubenpost erfasst hatte.

Dass wohl auch der persönliche Kontakt und die Kundenfreundlichkeit viel zum Erfolg der Weststadt-Post beigetragen haben, verschweigt Franz Sailer bescheiden. Er weiss auch nicht, wer auf ihn folgt, «aber die Poststelle wird wie bis anhin geöffnet bleiben». Für ihn überwiegen nach 45 Jahren die «positiven Seiten» seines Berufslebens bei der Post. Doch genauere Pläne für seine Zeit nach dem 27. Juni hat er keine. «Mehr joggen» will er wieder. «Ausserdem habe ich vier Kinder mit zwei Enkelkindern, die ganz in der Nähe wohnen», freut sich der längst in der Weststadt wohnhafte Poststellen-Leiter auf ruhiger Zeiten in einer eher unruhigen Post-Ära.