Solothurn

Er las «für ein paar Batzen» dem Dichter Josef Reinhart vor

Ernst Wiedmer (87), der als junger Mann dem Dichter Josef Reinhart vorlas.

Ernst Wiedmer (87), der als junger Mann dem Dichter Josef Reinhart vorlas.

Ernst Wiedmer (*1928) aus Solothurn las als Schüler und junger Mann Josef Reinhart vor. Der Dichter war für ihn wie ein Vater. Dank Reinhart fand der heute 87-Jährige auch eine Stelle als Lehrer.

Am 1. September vor 140 Jahren wurde der bis heute bekannte und beliebte Solothurner Dichter Josef Reinhart in Rüttenen geboren. Der Bauernbub wurde zunächst Primarlehrer in Erlinsbach und Schönenwerd und später Professor für Deutsch am Lehrerseminar in Solothurn. 1957 starb der Autor Solothurner Mundart-Geschichten und und viel beachteter Jugendbücher 72-jährig an einem Hirnschlag.

1941, vier Jahre vor der Pensionierung des Dichters, begann dessen Zusammenarbeit mit dem damals 12-jährigen Ernst Wiedmer aus Solothurn. «Wir wohnten damals in der gleichen Strasse wie Josef Reinhart», erzählt der heute 87-Jährige in seinem Zimmer im Altersheim Kastels in Grenchen. «Reinhart war ein gross verehrter Dichter und ich konnte als kleiner Bub schon seine Gedichte aufsagen. Das erfuhr dann auch unsere Aushilfslehrerin Greti Reinhart, die Tochter des Dichters. Sie fragte mich am ersten Frühlingsferientag, ob ich nicht mal zu ihr nach Hause käme, ihr Vater wolle mich kennenlernen.»

Selbstverständlich war der kleine Ernst mächtig stolz, dass der berühmte Mann ihn sehen wollte. «Ich kam schliesslich ‹nur› aus einer Arbeiterfamilie», meint er schmunzelnd. So kam es, dass der Sechstklässler Bekanntschaft mit Josef Reinhart machte. «Ich bekam ein Buch über die Französische Revolution in die Hand gedrückt und wurde aufgefordert, vorzulesen. Nach etwa einer Stunde meinte der Dichter: ‹Bisch noni müed?› Ich verneinte, bekam ein Stück Brot und ein Glas Apfelmost und las eine weitere Stunde vor.» Anscheinend habe er das gut gemacht, so Wiedmer, denn Reinhart fragte ihn, ob er am nächsten Tag wiederkommen könne.

Ausschnitte aus einer Reportage zum 65. Geburtstag von Josef Reinhart. In der Mitte der GrenchnerErwin Wiedmer als 12-Jähriger, der Josef Reinhart vorlas.

Ausschnitte aus einer Reportage zum 65. Geburtstag von Josef Reinhart. In der Mitte der GrenchnerErwin Wiedmer als 12-Jähriger, der Josef Reinhart vorlas.

Schliesslich las der Junge jeden Tag in den Frühlingsferien und die Tage der kommenden Sommerferien dem Heimatdichter vor. «Reinhart hatte Netzhautablösung und konnte zum damaligen Zeitpunkt fast nichts mehr sehen», erklärt Wiedmer. Vorher habe immer die Ehefrau des Dichters vorgelesen. Doch als er «engagiert» wurde, musste sie das nicht mehr tun. Er sei sogar, während einer Kur Reinharts auf dem Balmberg, täglich dorthin gefahren, um vorzulesen. Einige Zeit später sei er dann auch noch zum Schreiben aufgefordert worden, als man erkannte, dass der Jüngling eine exakte und gut leserliche Handschrift hatte. «Reinhart diktierte mir seine Texte.» Ganze Jugendbücher hat Wiedmer so niedergeschrieben.

Schliesslich bestimmte Josef Reinhart auch den beruflichen Werdegang des jungen Wiedmer. «Eigentlich hatte ich vor, eine Banklehre zu absolvieren. Doch Reinhart meinte, ich sei einer fürs Seminar und da habe ich halt das gemacht». Für seine Vorlese- und Sekretariatsdienste habe er hin und wieder ein paar Franken vom Dichter bekommen, schmunzelt der Grenchner. «Reinhart sagte mir zwar immer ‹mach die Rechnung›». Doch das habe er natürlich nie getan. So holte der Dichter manchmal sein Portemonnaie hervor, leerte den Inhalt auf den Tisch sagte: «Nimm, was bruchsch.» Er selbst habe ja nichts mehr sehen können. «Da hab ich ein paar Batzen genommen, so vielleicht einen Franken zwanzig oder so.»

«Wie ein Vater»

Josef Reinhart sei für ihn wie ein Vater gewesen, erklärt Ernst Wiedmer. «Meine Eltern waren früh geschieden und da war ich natürlich dankbar, eine Vaterfigur zu haben.» Einmal habe Reinhart ihn «seinen kleinen Eckermann» genannt und dies als Widmung auch in ein Buch geschrieben. Doch der junge Ernst wusste damals noch nicht, dass Reinhart ihn damit ehrenvoll mit dem Sekretär von Goethe verglich.

Während der Lehrerausbildung war Wiedmer gleichzeitig Schüler von Josef Reinhart. Doch das hat ihm nicht sehr viel genutzt – im Gegenteil, berichtet er. «Reinhart war absichtlich streng zu mir und benotete mich in Deutsch nur mit einer 5–6 statt einer 6. Damit meine Kollegen nicht schnödeten, ich würde bevorzugt», sagte mir der Lehrer.

Doch einen Vorteil wegen des guten Kontakts mit Reinhart hatte Wiedmer schliesslich doch: «Nach dem Seminar war ich einer der wenigen, der eine Lehrerstelle fand. Das hatte ich Reinhart zu verdanken. In Hubersdorf konnte ich eine Schule mit 46 Schülern übernehmen. Das war dann schon etwas viel und nach einem Jahr bekam ich einen Kollegen.» So war es Wiedmer wieder möglich, Reinharts Sekretariatsdienste zu übernehmen.

Am 17. April 1957 starb der Dichter. Wiedmer war damals mit seiner Schulklasse in einem Skilager in Bündnerland. Nachdem er die Nachricht im Radio vernommen habe, sei er sofort abgereist. Später habe er immer wieder Texte von Reinhart in der Öffentlichkeit vorgelesen und über das Leben des Dichters berichtet. Und heute noch besitzt Ernst Wiedmer ganze Ordner voll mit Dokumenten über das Leben des Mundartdichters, sowie sämtliche Erstausgaben mit Widmung und Signatur.

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