Solothurner Fasnacht

Er kennt die Rezeptur der Narrenverse

Er war selbst während fünf Jahren in der Gruppe der Gröggle unterwegs, Fritz Rickli.

Er war selbst während fünf Jahren in der Gruppe der Gröggle unterwegs, Fritz Rickli.

Fritz Rickli ist Moderator der «Schnibamu» im «Kulturm». Wieso er mehr als nur ein Schnitzelbank-Fan ist und warum sich die Fasnacht verändern soll, erzählt er bei einem Kaffee.

Viele freche, geistreiche Schnitzelbankverse sind ihm über die Lippen, und noch viel mehr in die Ohren und in die Narrenseele. Fritz Rickli, früher selbst aktiver «Bänkler», moderiert seit einem halben Jahrzehnt die «Schnibamu» am Schmutzigen Donnerstag im «Kulturm». «Auf diese Weise habe ich immer ein Eintrittsticket, während andere bereits am Samstag vorher dafür anstehen», scherzt der 66-Jährige.

«Dieser Anlass und das Höfli-Singen sind die Gelegenheiten schlechthin, um die Schnitzelbänke geballt zu erleben.» Obwohl: Im Kuppelsaal des «Kulturms» bleibe es halt immer schön warm und trocken, während die Zuhörer im Gemeindehof den Launen Petrus’ ausgesetzt sind. Darüber hinaus kriegt, wer will, in Solothurns Beizen diese oder jene Formation zu hören – oder am sonntäglichen Fasnachtsabend im Stadttheater.

Schon Ricklis Eltern hatten sich der Fasnacht verschrieben, er selbst wuchs in der Altstadt auf. «Da befindest Du dich eh schon mitten im fasnächtlichen Treiben. Und unsere Mutter kam zwischen den Fasnachtsanlässen zum Stillen heim.» So habe er als Januar-Geborener den Narrenvirus eingeimpft bekommen.

Auch später kam Rickli nicht um die Fasnacht herum. Ab 1968 musizierte er bei der Guggageri-Gugge mit und wurde schliesslich Schreibernarr bei der Fasnachtszeitung «Gugg». Bald darauf folgte seine Aktivzeit als Bänkler. «Meine Nichte, meine Schwester und ich – alle nicht allzu gross – traten als Gröggle auf.» Ihre Auftritte absolvierten sie als inszenierte Zwiegespräche in den Beizen. Fünf Jahre lang währte Ricklis Schnitzelbank-Karriere, dann trat er der Narrenzunft Honolulu bei, schrieb für den «Postheiri» und amtete auch als Ober.

Eine besondere Rezeptur

Dass er mit diesem Palmarès mehr als ein Schnitzelbank-Fan ist, beweist Rickli, als er die Rezeptur hinter den Versen verrät: «Mit möglichst wenig Worten baut man eine Geschichte auf, die man schliesslich auf eine überraschende Wende, eine Pointe hinführt.» So wird die klassische Schnitzelbank in vier bis sechs Zeilen gerade auch in Basel gepflegt. «Bei uns in Solothurn fand man sie vor allem bei den Hüslisängern und heute beispielsweise noch bei den Ambassadore Bäse und den Schnädderhäggse.»

Der Stil, der in Solothurn aber vermehrt gepflegt werde, packe Showelemente, Kostüm, Verse und eine Melodie – allenfalls der aktuellen Hitparade entlehnt – in einen Gesamtauftritt hinein. «Das verleiht der hiesigen Schnitzelbank einen eigenen Charme auf hohem Niveau.» Ein weiterer Vorzug: die Liebe zum Lokalkolorit. Basel sei demgegenüber dem «Problem» ausgesetzt, dass die besten Schnitzelbänke im Schweizer Fernsehen übertragen werden. «So gelangen nur die Verse in die Ränge, die Überregionales thematisieren. Die lokalen kommen aber zu kurz.»

Neben Charme, poetischer Güte und Lokalkolorit zählt als weitere Ingredienz – das närrische Gift. «Davon könnte es – wie bei den deutschen Büttenredner – ruhig ein wenig mehr vertragen», ungeachtet, wo man nun die Gürtellinie ansetze.

Ein Gerichtsfall sei ihm aus Solothurn allemal nicht bekannt. «Hingegen gab es Verse, für die man sich im Nachhinein entschuldigen musste.» Auch schon musste Rickli zugeben, dass «Bänkler» viel zu weit gegangen waren. In einem Fall handelte es sich um eine persönliche Fehde, einen Racheakt. «Ansonsten ist man hierzulande oft zu anständig. Dabei müsste beispielsweise ein Politiker, der in der Öffentlichkeit steht, auch mit so was klarkommen.»

Kummer um den Nachwuchs

Heute reiht sich Rickli in die grosse Schar der «Mitläufer» der Narrenzunft ein und blickt zurück:. «Ich habe so ziemlich alles gemacht, was man an der Solothurner Fasnacht machen kann . . .» Wie lange er sein Amt als Moderator der Schnibamu noch ausübt, weiss er nicht: «Ich lasse es auf mich zukommen.» Was der «Bänkler»-Szene aber fehle, sei Nachwuchs. «Mindestens fünf zusätzliche Gruppierungen würde es gut an einem Schnitzelbankabend vertragen.» Dafür gebe es auch genügend altgediente Kenner, die jungen Narren eine Starthilfe bieten würden.

Gleichzeitig weiss es Rickli am besten: Hinter guten Versen steckt eine Menge Arbeit. «Die Arbeit an den Schnitzelbänken beginnt nicht erst 14 Tage vor der Fasnacht, sondern bereits im Sommer.» Und: Der Notizblock für potenzielle Themen liegt bereits nach der zu Ende gegangenen Fasnacht für die nächste bereit. Was das kreative Arbeiten aus seiner Sicht erschwert: «Heute stehen weitaus weniger Zielpersonen in der Öffentlichkeit als früher.»

Doch zur Fasnachtskrise wirds deshalb nicht kommen. «Die Fasnacht verändert sich und das soll sie auch. Früher war am Samstagabend tote Hose, heute ist es die beste Zeit.» So kommen neue Perspektiven, neue Möglichkeiten auf und – dessen kann sich jeder «Bänkler» und Versschmied sicher sein – mit jedem Jahr neuen Themen für neue Pointen.

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