Adventskalender

Er hütet einen mechanischen Schatz im Herzen Solothurns

Stadtuhrmacher Martin von Büren vor dem früheren, heute  vermauerten Eingang

Stadtuhrmacher Martin von Büren vor dem früheren, heute vermauerten Eingang

In der Adventszeit öffnen wir jeden Tag eine interessante Tür im Kanton und schauen, was sich dahinter verbirgt. Heute werfen wir einen Blick hinter die Pforte des Zeitglockenturms, die weder Turm noch Uhrwerk erschliesst, sondern eine Trafo-Station.

Fehlanzeige. Die in die imposanten Quader des Zeitglockenturms eingelassene Holztür an der Hauptgasse führt nicht ins Innere des ältesten Bauwerks der Stadt, sondern zu einer Trafostation der städtischen Stromversorgung.

Wenn der Stadtuhrmacher Martin von Büren ins Innere des Turms gelangen will, führt der Weg in den vierten Stock des Hotels Roter Turm. Dort stossen auch Besucher am Ende einer Zimmerflucht nicht wie angenommen auf ein Hotelzimmer, sondern auf das eindrückliche Uhrwerk, das das astronomische Zifferblatt und die Automatengruppe in Bewegung hält.

Es ist dunkel, und das alte Holz knarrt unter den Füssen. «Bitte kein Metall anrühren», sagt Martin von Büren, «es kann Flugrost entstehen.»

Schwerarbeit für die Zeit

Eigentlich ist der Herr über ein Gemäuer, das Anfang des 13. Jahrhunderts erbaut wurde und ein legendenumwobenes Uhrwerk beherbergt, Besitzer eines gegenüber liegenden Uhrenfachgeschäfts.

Er wacht aber auch über ein Kulturgut, das einzigartig ist und aus rund 10 000 Teilchen besteht. 1981 hat Martin von Büren das Amt als Turmwart von seinem Vater übernommen.

Eine grosse Herausforderung: Alle 24 Stunden müssen die drei an Seilen hängenden Gewichte über vier Stockwerke von Hand aufgezogen werden, damit die Zeit auf dem Marktplatz nicht still steht, und der Glockenschläger auf der Turmspitze seine Arbeit verrichten kann.

Das dauert in der Regel 15 Minuten und ist Schwerarbeit, wenn man bedenkt, dass der Stein des Stundenschlagwerks 129 kg, der Stein des Viertelstundenschlagwerks 102 kg und der Stein des Gehwerkes 30 kg wiegen.

Um beim Aufziehen der Gewichte eine Verschnaufpause zu haben, kann Martin von Büren glücklicherweise auf vier Studenten zählen, die für ein Sackgeld den Turmwart abwechslungsweise entlasten.

Ehrfürchtiger Stadtuhrmachers

Das heisst keinesfalls, dass Martin von Büren seiner Aufgabe überdrüssig geworden wäre. Er ist mit Leib und Seele dabei, wenn es darum geht, das Uhrwerk zu warten, kleinere Mängel zu beheben und die Gewichte hochzuziehen.

«Ich schätze die Ruhe abseits der Hektik», verrät der Nachfolger eines ehemaligen Turmwächters, der in früheren Zeiten eigenhändig zu den vollen Stunden die Glocke schlug und es hie und da auch versäumte, die Zeit auszurufen. Ein grober Verstoss, wenn man bedenkt, dass im Spätmittelalter und in der früheren Neuzeit private Uhren rar waren.

Ehrfurcht vor der Vergangenheit und Ehrfurcht vor einem Handwerk und einer Technik, die auch Turmbesucher ins Staunen bringt, befällt den Stadtuhrmacher noch heute, wenn er den Turm betritt.

«Was hat noch eine Lebensdauer von 500 Jahren?», fragt er sich oft in einer Zeit, «da das Wissen fehlt, um ein solches Kunstwerk herzustellen und «alles schnell gehen muss». Kommt dazu, dass man so was gar nicht bezahlen könnte.

Mystisch sei es, wenn man das Ticken der Uhr höre und das Pendels schwingen sehe. 1999 ist das Uhrwerk tatsächlich für eine Weile still gestanden. Es war defekt und musste vollumfänglich überholt werden.

Klimawandel macht zu schaffen

Was Martin von Büren und seinen Helfern im Turm oft Mühe macht, sind die Temperaturen. Im Sommer könne das Thermometer unter dem Kupferdach auf 40 Grad klettern, und im Winter seien Temperaturen von 13 Grad nicht die Ausnahme.

Besonders der diesjährige Sommer hat ihnen zu schaffen gemacht. «Pflotschnass» seien sie beim Aufziehen der Gewichte geworden, blickt er auf einen ungewöhnlichen Sommer zurück.

Denn nicht nur die Aussentemperaturen, auch das Gebläse gebe Wärme ab. Zudem sei die Luftfeuchtigkeit viel höher als früher. Die Temperaturschwankungen, die den Menschen zu schaffen machen, tut auch den Uhren nicht gut, weiss der Uhrmacher aus Erfahrung.

Die alte Türe gefunden

Ob es sich auch Tauben oder andere Tiere im offenen Turm gemütlich machen, fragen wir Martin von Büren. «Wir haben Gitter angebracht, aber sie finden immer wieder ein Schlupfloch, durch das sie sich zwängen können.»

Früher sei auch einmal ein Marderskelett gefunden worden, aber seither sei ihnen niemand mehr begegnet. Und was ist mit anderen Besuchern? Martin von Büren holt aus: «Es ist eng und gefährlich im Turm, und Besichtigungen sind nur auf Anmeldung möglich.»

Besonders vorsichtig ist der Turmwart, wenn sich Schulen anmelden. «Die Kinder springen die Holztreppe hoch und hinunter und hinterlassen Abfall. Man hat das Ganze nicht mehr im Griff.»

Schliesslich finden wir die alte und ursprüngliche Türe zum Turm doch noch. Sie ist ebenfalls nur auf verwinkelten Wegen durch das Hotel Roter Turm erreichbar – und zugemauert. Sie erinnert an jene Zeit, als der «Zytgloggeturm» noch frei stand und sich nicht zwischen zwei Altstadthäuser zwängen musste.

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