Stadttheater-Umbau
Er hatte zwar nicht Recht – bekam aber Recht

Er hatte es immer gewusst. Dass das Stadttheater noch historische Substanz birgt, die in ihm schlummert. Und so nahm Fritz Sebald, in Solothurn wohnhafter «Kulturvermittler in Bern» schon 2009 per Mail mit dem Archtekturbüro in Zürich Kontakt auf.

Wolfgang Wagmann
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Umbau Stadttheater Solothurn im Jahr 1936
6 Bilder
Die Baustelle 1936
Der Theatersaal beim Umbau 1936
Das Stadttheater heute
Die jetzt entdeckten Barockmalereien
Der Theatersaal nach dem Umbau 1936

Umbau Stadttheater Solothurn im Jahr 1936

Zentralbibliothek

Er plädierte für ein Barocktheater, wie es noch auf Schwarzweissfotos vor dem Umbau 1936 ersichtlich gewesen sei.

Damals meinte Sebald noch: «Leider ging beim Umbau 1936 der neubarock geprägte Theatersaal, dekoriert vom Basler Constantin Guise, verloren.» Aber vielleicht sei doch etwas von Guises Malereien unter den Stoffbezügen der Brüstungen erhalten. Eine Annahme, von der Sebald immer mehr besessen war, je näher die Entscheidung über das Umbauprojekt des Stadttheaters rückte.

Und spätestens als im letzten Herbst die Informations- und Propagandawelle für das 20-Mio.-Projekt anrollte, machte er beim Stadtbauamt, bei Denkmalpfleger Stefan Blank und auch beim Verein Freunde des Stadttheaters Druck, man solle unter den Estradenbrüstungen abklären, ob nicht doch noch Malereien von Guise aus dem Jahr 1857 zu entdecken wären.

Was auch Sebald nicht ahnte: Da steckte mehr darunter, nämlich Barockmalerei aus der Zeit des Neubaus von 1778/79 - letzte Woche erst durch die Denkmalpflege bestätigt.

Ein Mann macht sich unbeliebt

Doch Fritz Sebald beschäftigte noch mehr. Massive Kritik übte er am nun vorliegenden Abstimmungsprojekt: Gegenüber dem ursprünglichen Wettbewerbs-Siegerprojekt von «Phalt», dass keine Veränderung der Galerien vorgesehen habe, würden nun die Estraden soweit vorgezogen, dass ein grosser Teil der Parterreplätze unter Dach kämen.

Was akustisch ein Sündenfall erster Güte wäre. Dieser Vorwurf, gekoppelt mit der wiederholten Forderung, die Brüstungen auf die Malereien von Guise zu untersuchen, stiessen jedoch auf wenig Freude - alle Involvierten wollten vor allem dem vorliegenden Projekt zum Durchbruch an der Urne verhelfen.

«Ich verpflichtete mich jedoch, an den öffentlichen Informationsabenden Stillschweigen zu wahren», so Sebald, der an sich den Theaterumbau auch nicht gefährden wollte. Hinter den Kulissen zog jedoch der Fan eines Barocktheaters per mail und sogar in Sitzungen mit den Verantwortliche weiterhin die Fäden - was vor allem in Kreisen der Freunde des Stadttheaters nicht goutiert wurde. «Heute bin ich jedenfalls nicht mehr Mitglied.»

Befund «Nichts gefunden»

Eins muss man Sebald lassen: Er trat gut dokumentiert auf, hatte in der Zentralbibliothek Glasplattenbilder aus dem Jahr 1936 aufgetrieben, worauf Guises Estradenmalerei noch zu sehen war. Auch mit dem Buchautor und Baudenkmälerspezialisten Benno Schubiger tauschte er sich in Sachen Stadttheater aus und wurde bei Theaterdirektor Beat Wyrsch vorstellig, ob die Textilrollen mit den Malereien noch irgendwo in den Innereien des Stadttheaters deponiert seien.

Natürlich mit dem Hintergedanken, damit einen Wiedererwägungs-Antrag für die vom Abriss bedrohten Galerien provozieren zu können. Im Dezember forderte Sebald auch die Redaktion auf, die Malereien zu thematisieren. Doch schon damals hiess es auf dem Stadtbauamt «Die gesuchten Malereien gibt es nicht mehr.»

Der Rest der Geschichte ist bekannt: Mit dem Hinweis in der Abstimmungsbotschaft, dass auch die Statik einen Abriss der Estraden erfordere und neue, zeitgemässe 280 Plätze mit dem Wiederaufbau geschaffen würden, nahm das Projekt am 11. März mit über 80 Prozent Ja-Stimmen die Urnenhürde locker. Bis Monate später doch noch Barockmalereien auftauchten und nun eine gründliche Umarbeitung des Projekt nötig machen (vgl. Samstagsausgabe).

Einigen war es «nicht wohl» dabei

Aber warum der Fund erst jetzt, nachdem Fritz Sebald derart hartnäckig auf eine Überprüfung der Galerie gedrängt hatte? Denkmalpfleger Stefan Blank: «Eine punktuelle Untersuchung hatte rasch bestätigt, dass von Guises Malereien nichts mehr vorhanden war.» Doch später habe das Büro «Phalt» darauf gedrängt, die Estraden nochmals anzuschauen, und «auch mir war es nicht wohl dabei.» Und so fand in der Sommerspielpause eine eingehendere Sondierung statt, die zur Erkenntnis führten: Solothurn hat das älteste Theater der Schweiz.

Der Antrag auf kantonale Unterschutzstellung ist laut Blank nur eine Formsache. Und Fritz Sebald ist glücklich: «Ich bin froh, dass es nicht zu spät ist. Auch stehen die Chancen gut, dass es nicht zu Mehrkosten kommt, wenn statt des Abreissens und Wiederaufbaus der Galerie nur die Malereien restauriert werden müssen.»

Übrigens: Nicht die jetzige Decke im Saal soll laut Stefan Blank erhalten bleiben, sondern nur deren Holzkonstruktion. Eins steht fest: Das künftige Innenleben des «Kulturtempels» dürfte ein spannendes Thema bleiben.