Solothurn
Er hat mehr Messen als jeder Priester gefeiert

Domsakristan Bruno Emmenegger verlässt Ende Monat nach fast 15 Jahren die Pfarrei St. Ursen.

Silvia Rietz
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Bruno Emmenegger zündet zu St.Ursen bei mancher Gelegenheit eine Kerze an.

Bruno Emmenegger zündet zu St.Ursen bei mancher Gelegenheit eine Kerze an.

Wolfgang Wagmann

Am 1. August hätte Bruno Emmenegger 15 Jahre Sakristan der Pfarrei St. Ursen feiern können. Nun wird er am Nationalfeiertag seit einem Monat als Hauswart für die öffentlichen Gebäude und Liegenschaften seiner Wohngemeinde Riedholz zuständig sein. Dies, nachdem er sakrale Bauten wie die St. Ursen-Kathedrale, die Jesuitenkirche, die Kapellen St. Peter, St. Urban und St. Katharinen betreut hatte, sowie die Spitalkirche in der Vorstadt. Mit nur einem freien Wochenende pro Monat feierte er mehr Gottesdienste mit als mancher Geistlicher. Assistierte er doch nicht nur dem jeweiligen Stadtpfarrer, sondern auch dem Bischof und den Aushilfspriester. Immer als rechte Hand des Zelebranten und stets als Diener.

Zuletzt brachte er sich auch als Lektor und Kantor in die Liturgie ein. «Aber erst seit ich als Mitglied des Jodlerklub Althüsli an Stimmbildung und Gesangstechnik feilte», lächelt er. Gläubig sein ist für Bruno Emmenegger eine der wichtigsten Berufsqualifikationen. Man müsse sich berufen fühlen. Nicht zuletzt, weil Sakristane immer arbeiten, wenn sich andere über freie Tage freuten.

«Unbeschreibliches Gefühl»

Bevor er in den kirchlichen Dienst wechselte, als die drei Kinder noch klein waren, führte er mit seiner Frau Edith die «Dorfchäsi» Riedholz. Zum Jobwechsel animierte ihn Roland Rey, der Verwalter der Kirchgemeinde, den er seit der gemeinsamen Käserlehre kennt. «Das Gefühl, als ich erstmals in der weissen Albe im Chorraum stand, war unbeschreiblich», erinnert er sich. Kurz darauf forderten die Kollegen vom Senioren FC-Riedholz ihn auf, mit Weihrauch den Klubraum einzusegnen. Kaum hatte er das kultische Räucherwerk zum Glimmen gebracht, füllte sich der Raum mit Rauchschwaden. «Irgendwie hatte ich den Umgang mit der Gabe aus dem Morgenland noch nicht so im Griff wie heute. Wir mussten tagelang lüften und es roch noch lange nach der Aktion.»

Als es zu St. Ursen brannte

Der wohl einschneidenste Tag für Domsakristan Bruno Emmenegger war der 4. Januar 2011: Um 9.15 Uhr entdeckte er zwei ausgeleerte Kanister Benzin im Chorraum. Einen älteren, unverdächtig erscheinenden Herrn beim Seiteneingang warnte Emmenegger vor allfälligen gefährlichen Dämpfen und der Mann versicherte ihm, er werde niemanden in die Kathedrale lassen. Als sich der Domsakristan in die Sakristei hinter dem Altar begab, um Verwalter Roland Rey über den ungewöhnlichen Vorfall zu informieren, hastete der Mann zum ausgeleerten Benzin und enzündete die rund 20 Liter. Das Feuer konnte zwar rasch gelöscht werden, doch die Tat von Andreas Z. sorgte für enorme Russschäden. (ww)

Mit Rauch und Feuer ist auch eine der schlimmsten Erfahrungen seiner Amtszeit verbunden, der Brand in der Kathedrale. Danach konnte er die Sakristei ein halbes Jahr lang nicht mehr betreten und das Büro nicht benutzen. Nach der Innenrenovation des Sakralraums freute er sich nicht nur über den neuen Glanz zu St. Ursen, sondern vorab über ein kleines Detail: «Als ich noch neu war wollte ich ein über den Chor gespanntes Tuch herunterlassen.

Dabei passierte ein Unfall, bei dem die Wand beschädigt wurde und ein Engel den Arm brach. Till Frentzel brachte den Schaden notdürftig in Ordnung. Während dem Sanieren wurde nun die ganze Wand stilgerecht wiederhergestellt», blickt Bruno Emmenegger zurück und schmunzelt, immerhin habe das Provisorium einige Jahre gehalten. Nicht weniger einschneidend empfand er den abrupten Weggang von Niklas Raggenbass und die unglückliche Krisenkommunikation der Funktionäre. Wunden, die noch nicht ganz verheilt sind.

Sprung ins kalte Wasser

Nun, wo bekannt ist, dass ein neuer Stadtpfarrer bestimmt wurde, schleicht sich doch ein Hauch Wehmut ins Erzählen. Kennt er Thomas Ruckstuhl doch von dessen Zeit als Domherr. «Ich schätzte ihn sehr und hätte gerne mit ihm zusammengearbeitet.» Vermissen wird er auch die Ministranten. Die «Minis» waren ihm stets ein Herzensanliegen und zu den schönsten Erinnerungen gehören die Rom-Reise und die Zentralfeste der Ministranten.

Unvergesslich auch die Beerdigung von Bischof Otto Wüst, der kurz nach Emmeneggers Amtsantritt starb. «Eine so grosse Abschiedsfeier, das war ein Sprung ins kalte Wasser.» Nicht nur der feierliche Charakter des Gottesdienstes beeindruckten den Sakristan, ebenso die Beisetzung in der Kathedrale, wo alle Bischöfe ruhen. «Am Vormittag volle Kirchenbänke und am Nachmittag im allerkleinsten Kreise den Sarg in die Gruft herunterlassen, was für ein krasser Gegensatz.»

«Gänsehaut-Feeling pur»

Bruno Emmenegger hat praktisch alle Gottesdienst fotografiert und besitzt ein stattliches Bilder-Archiv. Inklusive Promi-Hochzeit, da Rad-Profi Fabian Cancellara in der Kathedrale heiratete.

Mit Berühmtheiten hatte der Sakristan öfters zu tun. «Ein absolutes Highlight war der Auftritt von Peter Reber mit Tochter Nina und Carlo Brunner. Eingerechnet aller Stehplätzen und Notstühle, lauschten mehr als 1000 Personen dem Konzert. «Gänsehautfeeling pur», kommentiert der Musikfreund. Einzig die Jodlermesse mit den vereinigten Jodlerchören habe ihn ähnlich ergriffen.

Zu den Aufgaben eines Sakristans gehöre eben alles, was nicht vom Pfarrer oder von der Reinigungskraft erledigt werde. Handwerkliches und organisatorisches Geschick sind unabdingbar. «Wie auch ein Händchen für Computertechnik und Elektronik. Heute wird das Glockengeläut und vieles mehr über das I-Pot gesteuert», bemerkt er. Unverändert blieb hingegen der Arbeitsrhythmus, der sich nach den Festen und Bräuchen des Kirchenjahres richtet. Die werden Bruno Emmenegger auch als Privatmann begleiten.