2000-Jahr-Jubiläum

Er hat die Bilder zu Solothurns Vergangenheit gefunden

So feierte Solothurn 1887 reichlich exotisch die Fasnacht im Ambassadorenhof – in einer heute undenkbaren Aufmachung.

So feierte Solothurn 1887 reichlich exotisch die Fasnacht im Ambassadorenhof – in einer heute undenkbaren Aufmachung.

Im nächsten Jahr feiert die Stadt Solothurn ihr 2000-jähriges Bestehen. Die letzten 200 Jahre werden in einer Jubiläumsschrift aufgearbeitet. Für die Illustration ist der Historiker Martin Illi zuständig.

2000 Jahre schon gibts Solothurn, und gefeiert wird das ganze nächste Jahr über. Die Stadt macht sich selbst ein Jubiläumsgeschenk. Solothurns Geschichte der letzten 200 Jahre wird von einem Historiker-Team aufgearbeitet. Zuständig für die Bebilderung: der Zürcher Historiker Martin Illi. «Früher war es verpönt, Bilder in einem historischen Werk zu zeigen.»

Doch das habe sich schwer geändert, denn in dem über 300 Seiten umfassenden Werk zur Solothurner Geschichte des19. Und 20. Jahrhunderts werden 200 bis 250 Bilder zu sehen sein. «Das entspricht etwa 40 Seiten», so Illi. Ob sein Schaffen in Solothurn im nächsten Jahr goutiert wird, weiss er allerdings nicht. «Denn ich war auch für die Illustration der Stadtgeschichte Grenchen zuständig», merkt er leicht ironisch an. Bekannt ist der 63-Jährige allerdings eher als langjähriger Autor und Bildredaktor des Historischen Lexikons der Schweiz und als Ausstellungs-Macher.

Text und Bild gehören zusammen

«Die Jagd auf Trouvaillen war nicht das höchste aller Ziele, aber wir haben schon Sachen gefunden, die man noch nicht gesehen hat», erklärt Illi. 3000 Bilder habe man ihm «untergejubelt»; unzählige Stunden verbrachte er in Archiven, «das ging weit über das Kommerzielle hinaus», so der Wissenschaftler aus Leidenschaft. «Aber ich habe nicht auf den Stunden-Zähler geschaut.» Eine Fundgrube war zwar die Zentralbibliothek Solothurn, die – für den Historiker eher seltsam anmutend – das Stadtarchiv betreut. Aber man müsse auch Material auswärts sichten, denn Bilder zu Solothurn gebe es ebenfalls in Zürich, Bern oder Basel – halt nach dem Motto «Lappi, mach d’ Auge uf!», wie Illi zu scherzen beliebt. Und so hat er beispielsweise ein stimmungsvolles Winterbild mit dem tief verschneiten Weissenstein im Landesmuseum Zürich aufgestöbert.

Solothurn sei in den Vorgaben zur Jubiläumsschrift «sportlich» gewesen, «ich konnte nicht warten, bis die Texte vorliegen». Das Miteinander von Text und Bild habe deshalb Priorität gehabt, die Arbeit erfolgte nach den einzelnen Kapiteln geordnet, die stets passend illustriert sein mussten. «Mein grösster Kummer sind Bleiwüsten», versucht Illi, jedem Kapitel die passenden Bildinformationen beizugeben. Wobei für ihn jene Bilder den grössten Wert haben, die auch entsprechend beschriftet sind. «Deshalb finde ich ein Foto-Album mit Bildlegenden jeweils toll.» Weniger angetan haben es ihm dagegen alte Postkartensammlungen – «die Sujets wiederholen sich.»

Als Zebras bemalte Fasnachtspferde

«Der Mix muss stimmen». Diese Devise stand für Martin Illi neben den inhaltlichen Vorgaben des Texter-Teams im Vordergrund. Vor der Fotografie waren Gemälde, Grafiken und Stiche die hauptsächlichen Bilddokumente, «aber wir haben auch eine kolorierte Daguerreotypie von Franziska Müllinger aus dem Jahr 1844, die eine Solothurner Stadtansicht noch mit den Schanzen zeigt». Dieses wunderschöne Dokument aus der Anfangszeit der Fotografie hat er ebenso elektronisch auf seiner Datenbank abgespeichert, wie jenes bemerkenswerte Bild aus dem Jahr 1887, die das damalige seltsame Solothurner Fasnachtstreiben im Ambassadorenhof entlarvt: Afrikanische Tänzerinnen posieren zusammen mit Reitern auf Pferden mit aufgemalten Zebrastreifen. «Daneben haben wir auch Kunstobjekte fotografieren lassen», verweist Illi auf eine weitere Art, die einzelnen Kapitel zu bebildern und die angestrebte Wechselwirkung von Text und Bild zu erzielen. Wichtig sei auch gewesen, für farbliche Abwechslung im oft eintönigen Schwarzgrau der frühen Fotografie zu sorgen. Speziell eigne sich dafür die Plakatkunst – und lässt dazu ein Bijou aufblitzen: Eine Blondine im späten 50iger- oder frühen 60ger-Look wirbt strahlend für eine Solothurner Uhr der Marke Roamer.

Kanonen aus Solothurn für China

Einiges Bildmaterial wirft auch ein schrilles Licht auf ungute Zeiten der jüngeren Solothurner Geschichte. Illi lässt eine ganze Bildergalerie auf dem Laptop erscheinen. «Die Waffenfabrik Solothurn bei der Vorführung von Waffen in China.» Das in den dreissiger Jahren von Japan überfallen wurde, und sich deshalb für die damals führende Waffenschmiede bei der Entwicklung von Maschinengewehren- und Kanonen interessierte.

Ebenfalls im Bild: eine Hakenkreuzfahne, wie sie mancher «Fröntler» auch aufbewahrte, für den Fall, dass das tausendjährige Reich in Solothurn anbrechen würde. Es gäbe noch weit krasseres Bildmaterial aus jener Zeit. Wie den Konzertsaal 1942 mit einem riesigen Hakenkreuz im Strahlenkranz über der Bühne. Martin Illi weiss davon. Aber: «Das Bild würde suggerieren, ganz Solothurn sei damals nationalsozialistisch gesinnt gewesen.» Was so nicht stimme und – im Jubiläumsbuch seien den «Fröntlern» ohnehin nur einige Zeilen gewidmet.

Bilder können in den Köpfen unglaublich viel auslösen. Aber sie können auch verschwinden. «Manchmal sehe ich es ihnen an oder rieche es sogar, dass sie in 2o, 30 Jahren nicht mehr da sein werden.» Oder wie sich der Historiker poetischer ausdrückt: «Das ist wie die Alpenfaltung. Bilder entstehen und verschwinden. Es geht stets um einen Wettlauf gegen die Zeit.»

Die Vernissage der Jubiläumsschrift findet am Samstag, 16. Mai 2020 statt.

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Autor

Wolfgang Wagmann

Wolfgang Wagmann

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