Vereinsgründung
«Entlastungsdienst»: Solothurn und Aargau starten in eine gemeinsame Zukunft

Die neue Zusammenarbeit des Entlastungsdienstes Aargau-Solothurn wird heute in Olten mit der Gründung eines Vereins besiegelt.

Elisabeth Seifert
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Sie haben die Zusammenarbeit aufgegleist: Heidi von Siebenthal vom Entlastungsdienst Solothurn (links) sowie Sonja Graber, die neu die Geschäftsleitung des Vereins Entlastungsdienst Schweiz, Aargau-Solothurn übernimmt. Hans Ulrich Mülchi

Sie haben die Zusammenarbeit aufgegleist: Heidi von Siebenthal vom Entlastungsdienst Solothurn (links) sowie Sonja Graber, die neu die Geschäftsleitung des Vereins Entlastungsdienst Schweiz, Aargau-Solothurn übernimmt. Hans Ulrich Mülchi

Hans Ulrich Muelchi

Die rund 250 Familien und Einzelpersonen im Kanton, die sich immer wieder – und oft über Jahre hinweg – Hilfe beim Solothurner Entlastungsdienst holen, dürfen aufatmen.

Sie können weiterhin auf die Dienste des Vereins zählen, der seit den 70er-Jahren Menschen aller Altersgruppen in Haus und Garten und bei der Betreuung von Kindern und Erwachsenen Unterstützung bietet.

Vor einem Jahr noch blickte das Leitungsteam rund um Geschäftsführerin Heidi von Siebenthal wenig optimistisch in die Zukunft. Der Spardruck der öffentlichen Hand machte zu schaffen, sowohl vonseiten der Gemeinden als auch vom Kanton. Kurz: Der Verein stand kurz vor dem Aus (wir berichteten).

Jetzt aber sieht alles anders aus. Solothurn schliesst sich mit dem Aargau zusammen: Heute Montag geht in Olten die Gründungsversammlung des Entlastungsdienstes Schweiz, Aargau-Solothurn über die Bühne. Ein Zusammenschluss, der für beide Vereine einen Aufbruch in die Zukunft bedeutet.

Überregionale Vernetzung

Der «Hilfeschrei» der Solothurner kam nämlich auch für die Aargauer genau zum richtigen Zeitpunkt. «Mit der Fusion der beiden Vereine erreichen wir eine Grösse, die es erlaubt, die Professionalisierung weiter voranzutreiben», betont Sonja Graber.

Sie hat die Geschäftsleitung des Aargauer Entlastungsdienstes inne und wird künftig die operative Leitung des Vereins Entlastungsdienst Schweiz, Aargau-Solothurn übernehmen. Die Geschäftsstelle erfährt im Zuge der Fusion einen Ausbau und wird mit den Ressorts Marketing/Fundraising, Administration, Personalbereich und Finanzen ergänzt.

Mit Ausnahme der Verantwortung für das Personal werden die übrigen Stellen mit Mitarbeitenden der Solothurner Geschäftsstelle besetzt. Heidi von Siebenthal etwa wird sich im Rahmen ihres bisherigen Arbeitspensums von 50 Prozent um das Marketing kümmern. Und damit um einen Bereich, dem der Entlastungsdienst Schweiz, Aargau-Solothurn in den kommenden Jahren besondere Aufmerksamkeit schenken will. Dies auch vor dem Hintergrund einer verstärkten Vernetzung der bislang rein kantonal organisierten Vereine. So haben sich bereits letztes Jahr die Entlastungsdienste der Kantone Aargau, Bern, Zürich sowie der Stadt St. Gallen unter der Dachmarke «Entlastungsdienst Schweiz» zusammengeschlossen. Mit Solothurn werde jetzt entlang dieser Achse eine wichtige Lücke geschlossen, so Sonja Graber.

«Während wir bisher vor allem auf operativer Ebene zusammengearbeitet haben, ist das mit dem Verein Entlastungsdienst Schweiz jetzt neu auch im strategischen Bereich möglich.» Die Notwendigkeit für eine solch überregionale Zusammenarbeit begründet Sonja Graber mit mehreren «grossen Themen», welche die Entlastungsdienste in allen Kantonen beschäftigen. «Bei der Entlastung pflegender Angehöriger sind unsere Mitarbeitenden immer öfter mit Demenzkrankheiten konfrontiert», beobachtet Sonja Graber. Die Dienstleistungen der Entlastungsdienste, die zu einem grossen Teil von Laien erbracht werden, werden dadurch anspruchsvoller. Gefragt seien deshalb entsprechend professionell organisierte Weiterbildungen.

Ein weiteres – und für die Entlastungsdienste existenzielles Thema – ist die Finanzierung der Betreuungsarbeit. Die Abgeltung der Pflegedienstleistungen, die im ambulanten Bereich von der Spitex erbracht werden, ist gesetzlich klar geregelt. Bei der Betreuungsarbeit der Entlastungsdienste, so die Geschäftsleiterin des neuen Vereins bestehe indes Handlungsbedarf. Im Unterschied zu Solothurn kann der Entlastungsdienst Aargau im Rahmen eines Leistungsvertrags immerhin auf kantonale Gelder zählen. Hinzu kommt Bundesgeld dank einem Unterleistungsvertrag mit Pro Infirmis Schweiz, Aargau-Solothurn.

Beide Geldquellen beziehen sich aber einzig auf die Betreuungsarbeit von Menschen mit einer IV-Leistung. Sonja Graber: «Für die betreuende Entlastung von betagten Männern und Frauen sind wir, neben Spenden, auf freiwillige Beiträge der Gemeinden angewiesen.» Aufgrund ihrer schwierigen finanziellen Situation vieler Kommunen müssen die Entlastungsdienste oft auf diese Beträge verzichten. «Es braucht deshalb neue Finanzierungsmodelle», sagt Graber. Dabei handle es sich aber eben um ein Thema, das auf nationaler Ebene diskutiert werden müsse. Sie begründet ihre Forderung mit der sozialpolitischen Bedeutung von Betreuungsdienstleistungen. Schweizweit und auf kantonaler Ebene gelte die Devise «ambulant vor stationär». Um einen Heimeintritt möglichst lange hinauszuzögern, sei aber neben der medizinischen Pflege auch die Betreuung von zentraler Bedeutung.

Zweigstelle in Solothurn

«Wir verspüren ein grosses Wohlwollen vonseiten des Aargauer Entlastungsdienstes». Damit kommentiert Heidi von Siebenthal die Gespräche der letzten Monate im Hinblick auf die Gründung des neuen gemeinsamen Vereins. So habe die Fusion zum Beispiel keine Entlassungen zur Folge. Weitergeführt wird auch die bisherige Geschäftsstelle an der Poststrasse in Solothurn, neu einfach als Zweigstelle. Der Hauptsitz des neuen Vereins ist in Aarau angesiedelt. Erhalten bleiben auch die zwei Solothurner Vermittlungsstellen. Keine Veränderungen gibt es weiter für die rund 100 Mitarbeitenden des Solothurner Vereins. Beim Angebot werde es verschiedene Anpassungen geben, erläutert Sonja Graber. Diese dürften auch gewissen Änderungen, sprich: Erhöhungen, bei den Tarifen einschliessen. «Die Tarife werden aber sicher nicht explodieren», versichert sie. Und: «Wir geben uns jetzt drei Jahre Zeit, um die beiden Kulturen aufeinander abzustimmen.»