Elf Geschichten

Elf Fälle von Sündenböcken und Unschuldslämmern: Wieso ist Solothurn so, wie es ist?

Ausschnitt aus der Illustration des Geschichtenbands von Jürg Parli.

Ausschnitt aus der Illustration des Geschichtenbands von Jürg Parli.

Die Regio Energie Solothurn führt ihre bewährte Geschichtenreihe fort: In diesem Jahr erscheint ein Band mit elf Geschichten, die der Frage nach Schuld und Unschuld nachgehen.

Wessen Verdienst ist es, dass Solothurn ist, wie es ist? Oder wessen Schuld? Ein soeben erschienenes Buch widmet sich der Frage nach den Sündenböcken und Unschuldslämmern.

Wer den Einband sieht, weiss vermutlich rasch, wes Geistes Kind das Buch ist – und, in welches Regal es passt. Im jährlichen Turnus präsentiert nämlich die städtische Energieversorgerin Regio Energie Solothurn in der Vorweihnachtszeit einen Geschichtenband mit elf literarischen Trouvaillen hiesiger Autoren.

Und so sind es diesmal elf Geschichten, in denen sechs Autoren und ein Illustrator über die Frage nach Schuld und Unschuld sinnieren. Geboten wird alles zwischen wahr und fiktiv, wobei die Grauzonen dazwischen unterhaltsam bis nachdenklich ausgelotet werden. Es sind elf Geschichten, in denen die Frage nach dem Schuldigen, dem Unschuldigen oder dem Helden letztlich dem Leser überlassen bleibt.

Held oder übler Zeitgenosse?

Da sind die zwei Geschichten von Roland Heim, der neben seinem Amt als Regierungsrat und Passion als Liedermacher auch als Autor auftritt. Er skizziert nach, wie Herzog Leopold von Österreich mit einer rasch erbauten Brücke ins aufmüpfige Solothurn einfallen will und sich die Hilfe eines ansässigen Zimmermanns erzwingt.

Nachdem dieser aber die Brückenpfeiler sabotiert, stürzt die Brücke mit Leopolds Soldaten in die Aare. Ist ein Held am Werk, der Solothurn rettete, oder ein Bösewicht, der einigen Soldaten den Ertrinkungstod bescherte? Heim überlässt es dem Leser. Weniger Fragezeichen hinterlässt seine zweite Geschichte: Hier geht er der Heiligen Zahl elf auf den Grund und erklärt, welche Rolle ein Hühnerei und ein päpstliches Dekret spielen.

Ruedi Stuber, Liedermacher und neopensionierter Lehrer, fokussiert die Pestalozzi-Büste, die den Schülern beim «Hermesbühl»-Schulhaus grimmig entgegentritt und eine ideelle Krise in den Reihen der Schulsozialarbeiter auslöst – bis er zuletzt in neuem Glanz erstrahlt. Ebenso erzählt Stuber, wie Harlekin Heiri von der Öufi-Uhr beim Amthausplatz herniedersteigt, um die heilige Verena mit ihrer «Gsüchti» gesundzusalben.

Regula Portillo tritt als Texterin eher nachdenklich auf. Sie holt jahrzehntealte Erinnerungen an einen Gerichtsprozess aus der Vergessenheit und setzt den Protagonisten, der einen Menschen tötete, und dessen Sohn gedanklich in der Gegenwart ab. Eine volkskundliche Betrachtung gibt Portillo in ihrem zweiten Beitrag ab. Sie hintersinnt sich, wo die geschichtlich verbrieften Ereignisse um Urs, Viktor und Verena aufhören und die Welt der Legenden beginnt.

«Salotiner» gegen «Salatisten»

Marco Lupi ist nicht nur in der Politik aktiv, sondern auch im Geschichtenband: Nach Matter’scher Zündhölzli-Logik dehnt sich ein Zank unter frisch Vermählten zum veritablen Stadtkrieg ob der Frage aus, ob Grünzeug als «Salat» oder «Salot» zu bezeichnen sei. In der zweiten Geschichte widmet er sich der Frage, ob die Errettung Solothurns vor den Kyburgern durch Hans Roth nicht eher dem Turmwächter, dem Steinmetz des Baseltors oder Roths Schuhmacher zu verdanken sei.

Einen andächtigen Tonfall schlägt Kantonsschüler Noah Schibli als jüngster Autor an. Er widmet sich aus Sicht des Fremden dem Gefühl, nicht «hierher» zu gehören, und dem Wunsch, irgendwo anzukommen. In Solothurn beispielsweise?

Marie-Christine Egger, die als selbstständige Stadtführerin selbst oft in die Rollen und Hüllen der Solothurner Geschichte schlüpft, hat in ihren zwei Beiträgen mögliche Schuldige diverser Typhus-Epidemien der Stadt oder die Rädelsführer der reformatorischen Streitigkeiten hüben und drüben der Aare erörtert. Das visuelle «Salz in der Suppe» steuerte Jürg Parli durch seine liebevollen, bunten Zeichnungen mit «grossen Nasen» bei.

Erhältlich ist das Buch unter anderem bei Lüthy+Stocker Solothurn.

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