«Lulu!» Lulu!» Lulu!» Ein Begriff aus dem Schlaraffen-Latein. Willkommen im «Reych» der Schlaraffia Castrum Solodurum. Die Herren begrüssen sich eben mit «Lulu!» im Gewölbekeller an der Westbahnhofstrasse, ihrer Burg.

Aus der Küche werden Hörnli mit Schinken und Salat aufgetragen. Über uns in einer Mauernische der Uhu, das Symboltier der Schlaraffen und ihres «Uhuversums». An einem separaten Tisch nehmen die Junker und Knappen unter ihrem Junkermeister Platz . Einer trägt eine Kappe «Prüfling». In der Ecke noch ein «Pilger», der erst schnuppert. «Wer Knappe werden will und später Ritter, kann sich bei einem melden, den er kennt und ihn als Paten einführt», räumt Max Flückiger mit der Mär auf, dass Schlaraff nur werden könne, wer angefragt wird. Der bekannte Anwalt und Sammler der drei Affen trägt bezogen auf seine Sammelobjekte den Namen Ritter Saruda. «Ich war bei vier Schlaraffen Pate», fügt er an – ein echter Nachwuchsförderer also.

Der Einritt der Ritter

Die «Atzung», das Essen, ist vorbei. Die Herren stürzen sich in «Rüstung und Helm», was im Schlaraffen-Latein für Mantel, Mütze und oder Schärpe steht, bestickt mit Wappen und um den Hals die wohl erworbenen Orden. Die Sippung heute, Nummer 1693 seit der Gründung des Castrums Solodurum, beginnt punkt 20 Uhr mit einem Gongschlag. Alles geht unter Ceremonienmeister Max Grossmann, pardon Ritter TonArt, seinen geordneten Gang.

Gäste werden begrüsst, Geschenke überreicht. Und der erste Höhepunkt steht bevor: Die Ritter mit klingenden Namen wie Coq au vin, U-Husar oder Ysfogel reiten in die Burg ein – unter den wohlwollenden Augen der drei Oberschlaraffen vorne auf dem Thron. Übrigens: Beim Ritterschlag kann der Junker aus drei Vorschlägen, darunter meist einem eigenen, seinen Ritternamen auswählen.

Links und rechts postieren sich nun die Ritter mit ihren Holzschwertern, während immer wieder einer von ihnen unter dem Spalier der aneinander geschlagenen Hiebwaffen durchschreitet und sich zuletzt würdevoll vor dem Thron verneigt. Protokoll verlesen, ein Trauer-Lulu für einen verstorbenen Ritter eines anderen Reichs. «Nein, auch ich habe ihn nicht gekannt», muss sogar der international weit herum gekommene Ritter Drill alias Beat Käch trotz seiner Funktion als Vorsitzender des Allschlaraffenrats einräumen. Nun, das Licht wird kurz gelöscht, dann herrscht wieder Fröhlichkeit.

«Schlaraffen hört!», tönt es immer wieder. Und jede Wortmeldung wird mit «Lulu», lauten «Ehes!» und Klopfen auf der Tischplatte abgeschlossen. Besonders laut wird die Ankündigung eines 60 gewordenen Junkers verdankt, der aus Anlass seines Geburtstages in der «Schmuspause» zu einer «Schaumlethe» (Schämpis) einlädt.

Orden und Urkunden...

Nach der «Schmuspause» kommt das Ordensfest richtig in Fahrt. Die drei Oberschlaraffen, Ritter Aarebutz, zivil Claude Tschanz, Ritter Yura oder Urs Nützi, und Ritter Lok (Bruno Gugelmann) zitieren immer wieder den Wappen- und Adelsmarschall, Ritter Traggs, oder eben Horst Leinhaas, vor den Thron. Dieser wiederum ruft ganze Heerscharen von Rittern auf, die er auszuzeichnen gedenkt.

Einer wird zum weissen Lilienritter erkoren – was nur Auswärtigen vergönnt ist – einer erhält den Hausorden 1. Klasse. Vielen wird mit einer Urkunde manchmal eher zweifelhafte Ehre zuteil: Ritter Stambuc beispielsweise wird zum «Steinbock der Grenchenberge» ernannt, Ritter Rübis zum «Ober-Chnübler», weil er sich ständig am neu renovierten Tisch zu schaffen machte. Und Ritter Drill schliesslich erhält das Attribut «Seine Vergesslichkeit» – er hat einmal etwas liegen lassen…

... und viel Gelächter

An sich gehört eine Sippung grösstenteils dem «Spiel» – Rede, Gesang und musikalische Darbietungen. Diesmal bleibt dafür angesichts der Ehrungen eher wenig Zeit. Meistbelacht der folgende Kurzbeitrag: «Früher ging man mit einem Franken fünfzig in den Dorfladen und kam nach Hause mit einem Salatkopf, drei Kilo Kartoffeln, einem Pfund Kaffee, zehn Scheiben Käse, einem Päckli Zigaretten und einem Sixpack Bier. Heute aber gibts das nicht mehr – wegen der Überwachungskameras.»

Sogar ein Junker darf ans Rednerpult, wie zuvor ein Ritter aus dem Wiener Reych. «Ein typischer Österreicher», raunt Hofnarr Hans Kahne. «Er ist Chemieprofessor und mehr bei uns als in Wien.» Der Hofnarr übrigens hat ein Privileg: Er darf als Einziger unangemeldet sprechen. Was er auch zwei, dreimal an dieser Sippung tut.

Den anderen ist dies nicht anzuraten. Einmal droht einer der Oberschlaraffen einem Ritter Vorwitz, ihn zu «pönen». Wieder Schlaraffen-Latein: Das heisst «bestrafen». Mit einer Geldbusse. Und wenn wir schon beim Thema sind: 400 Franken beträgt der Jahresbeitrag im exklusiven Club, der nach Max Flückigers Aussage zwar hier in Solothurn zur Zeit keine Nachwuchssorgen kennt, aber neue, geeignete Knappen stets gerne aufnimmt.

Nun, irgendwann sind auch die Schlaraffen mit ihrem Latein am Ende. Singen wie schon zur Begrüssung ihr kräftiges Lied zum Schluss und verwandeln sich zurück in ganz gewöhnliche Juristen, Beamte, Professoren oder Rentner. Und niemand käme auf die Idee, dass sie jeweils an einem Dienstag in bunten Mänteln als Ritter mit Holzschwertern für ein ganz spezielles Säbelrassen sorgen. Drunten in ihrer Burg, mitten in Solodurum.