Krummer Turm
Einmal im Turmverlies schmoren, bitte!

Der Krumme Turm in der Solothurner Vorstadt ist ein ganz spezieller Wehrbau. Wenig bekannt ist sein 10 Meter tiefes Verlies im Fundament. Kein Abgang führt in die Tiefe, ausser man lässt sich dorthin abseilen. Genau das bietet nun ein Erfinder an.

Wolfgang Wagmann
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Krummturm Solothurn
9 Bilder
 Um den krummen Turm ranken sich Sagen.
 Tagsüber präsentiert sich der fünfeckige Turm ganz freidlich.
 Für Schiffspassagiere ist der Turm an der Schiffländte eine besondere Attrakktion.
 2014 beleuchtete der SAC Weissenstein den Verliesgrund mit Fackeln.
 2014 wurden bereits Krummturm-Besucher ins Verliess abgeseilt.
 Auch der SAC Weissenstein behalf sich mit einer Seilwinde.
 Das Bild zeigt eindrücklich, wie klein das Verliesloch in der Decke ist.
 Der Artillerieverein beim Barbarasalut am 4. Dezember vor dem Krummen Turm.

Krummturm Solothurn

Tele M 1

«Nein, so habe ich es mir nicht vorgestellt!» Franziska Roth, Praktikantin beim TV-Sender Tele M 1, hängt im «Gstäutli» über dem viereckigen Abgrund. 10 Meter gehts in die Tiefe; sie hat Höhenangst. Dann wird sie sachte abgeseilt, auf eine hölzerne Plattform, verfolgt von der Kamera. «Die Plattform musste ich bauen, weil der Turmboden im Grundwasser liegt und es nasse Füsse geben würde», erklärt Daniel Stocker. Er hats erfunden: den Grusel-Trip ins uralte Verlies des Krummen Turms. Nun will der Solothurner Erfinder das Erlebnis vermarkten. Für 50 Franken pro Person gehts runter in die Tiefe. «An sich denke ich aber an Firmenevents.» Er könnte sich für grössere Gruppen auch eine Pauschale vorstellen. Die Seilwinden-Vorrichtung ist nämlich jeweils vorher aufzubauen, und «insgesamt muss ich schon eineinhalb Stunden Vorbereitungszeit rechnen».

Auf die Konstruktion sei Verlass, meinter gegenüber dem Kamerateam, erfunden habe er sie zwar selber, doch sei sie geprüft und von einem Seilbahnunternehmer produziert worden. Die TV-Praktikantin und Probandin beschäftigt aber etwas ganz anderes: die Leute, die hier unten gestorben seien, die man habe «verrecken» lassen. «Das ist schon ein ganz spezielles Gefühl.»

Der Erste, der versenkt wurde

Um den Bau des Krummen Turms – 1462 nach längerer Bauzeit vollendet – rankt sich eine tragische Legende. Sie erklärt, warum der Turm im Volksmund auch «Kumuff» genannt wurde. Was bedeutet, er sei «kaum auf» seine letztliche Höhe gebracht worden. Der Baumeister des Turms habe nämlich aus lauter Boshaftigkeit einen fünfeckigen Grundriss für den Turm gewählt, um einen jungen Zimmermann bei der Konstruktion des Dachstuhls vor schier unlösbare Probleme zu stellen. Der Hintergrund: Zwischen dem Töchterchen des Baumeisters und dem Zimmermann hatte es gefunkt, was dem Vater gar nicht passte. Tatsächlich war der junge Mann beim Bau des Dachstuhls so überfordert und verzweifelt, dass er sich in die Aare stürzte. Der tragische Vorfall wiederum soll soviel Empörung ausgelöst haben, dass man den Baumeister gleich als Ersten in sein Verlies warf. (ww)

Die «Homebase» des Artillerievereins

Hausherr des Krummen Turms ist der Artillerieverein Solothurn, der ihn 1947 von der Stadt «in einer Art Baurecht» für 99 Jahre übernommen hatte. «Der Turm war damals fast eine Ruine, und der Verein hat ihn in 6000 Stunden Fronarbeit renoviert – was heute wohl Millionen kosten würde», erzählt «Turmschreiber» Markus Reber. Inzwischen wurden die Turmstube und die anderen Räume auf drei Geschossen auch mit einer Gasheizung ergänzt, im ersten Stock wurde eine Koch- und Waschgelegenheit installiert, im zweiten Stock eine Toilette. Der Artillerieverein vermietet den Turm für Anlässe – 300 Franken oder 150 Franken für maximal zwei Stunden sind dann bei Turmwart Zoran Stankovski fällig, der als Kontaktperson ganz in der Nähe wohnt.

Daniel Stocker als quasi «Untermieter» des Vereins sieht im Verlies ein «touristisches Potenzial für Solothurn». Solches wurde schon früher erkannt – so hatte man beispielsweise das Turmgemach unter dem Dach im Sommer 2018 als Popup-Hotelzimmer eingerichtet und über einige Monate vermietet. Ebenfalls ein spezielles Erlebnis angesichts der Sagen, die sich um den Turm ranken.

«Schon ein beklemmendes Gefühl»

Ganz neu ist übrigens Daniel Stockers Tiefen-Trip ins Verlies nicht. Schon vor einigen Jahren bot sich die Gelegenheit am Museumstag, sich durch den SAC in den einzigen viereckigen Raum im sonst fünfeckig gebauten Turm abseilen zu lassen. Markus Reber war damals unten und erinnert sich genau: «Es war schon ein beklemmendes Gefühl.» Und nichts für Menschen, die unter Platzangst leiden. Denn da weder eine Leiter noch eine Treppe hinauf- oder hinunterführt, ist man völlig der Seilwinde und ihrer Bedienung oben ausgeliefert.

An langsam vor sich hinsiechende Gefangene im tiefen Verlies unten muss man aber nicht zwingend denken. Denn ob es diesem Zweck überhaupt gedient hat, «ist historisch nirgends belegt», so der «Turmschreiber.» Aber Schiesspulver, das wurde im feuchten Loch bestimmt auch nicht gelagert.

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