Exakt morgen Sonntag vor 100 Jahren flog Theodor Borrer erstmals über Solothurns Türme und Dächer und setzte im Schöngrün, wo sich heute das Bürgerspital befindet, zur Landung an. Damit begann im wahrsten Sinne des Wortes der Aufstieg eines bis anhin unbekannten und erst 19-jährigen Wirtesohnes. Eine glänzende Karriere als umschwärmter Aviatiker startete mit diesem 4. August 1913. Eine Karriere, die aber nur sieben Monate lang anhalten sollte.

Ab dem Jahr 1910 schauten die Schweizer vermehrt an den Himmel. Nicht nur Wolken und Vögel waren von da an zu sehen, sondern auch Flugzeuge. Zu einer Zeit, als noch kaum jemand ein Auto besass, gab es einige wenige Menschen, die sich mit einem Flugzeug fortbewegten. Einfach bizarr. Aber die Welle der Flugbegeisterung schwappte von Westen her unaufhaltsam über die Schweiz. Die Pioniere der eidgenössischen Piloten im Frühling 1910 waren Romands, da in Frankreich schon 1906 die ersten Flugzeuge in der Luft waren.

Später angekommen als überliefert

Der Solothurner Jüngling Theodor Borrer, der eben seine Schulzeit beendet hatte, dürfte die Zeitungsberichte über die ersten Aviatiker in Europa und in der Schweiz mit Begeisterung gelesen haben. Jedenfalls faszinierten ihn Motoren, denn die Lehre als Elektromonteur brach er ab, um als Taxifahrer bei Ernst Stauffer zu arbeiten. Im Frühling 1913 wechselte er nach Genf, wo er sich bei einer französischen Familie als Privatchauffeur anstellen liess. Mit ihr gelangte er nach Paris, wo er eine Flugschule suchte. In der Nähe von Reims kam er mit der Flugzeugbaufirma und Flugschule Hanriot-Ponnier in Kontakt, lernte fliegen und kaufte sich mithilfe seiner Familie vor Ort gleich ein Flugzeug. Am 30. Juni 1913 erlangte er das Schweizer Fliegerbrevet Nummer 39.

In der Geschichtsliteratur wird der Sonntag, 3. August 1913, als Tag der Ankunft von Theodor Borrer angegebenen. Das ist falsch. Die Landung war an diesem Tag zwar geplant, aber fand nicht statt. Der «Überflug» von Reims nach Solothurn begann wegen Nebels zu spät und wurde die ersten 350 km per Zug zurückgelegt. Edmont Labarre, Chefpilot der Hanriot-Flugzeugwerke, begleitete den Solothurner. Anschliessend starteten sie, aber bei Lure zwangen Nebel und Kälte die beiden Piloten zu einer Landung. Erst um 18 Uhr konnten sie wieder starten und landeten in Delsberg. Borrer wollte zwar weiterfliegen, aber die einbrechende Dunkelheit verhinderte dies. So telefonierte er nach Solothurn, sein Vater reiste nach Delsberg und schloss den Sohn in die Arme.

Anderntags, am 4. August 1913, absolvierte Borrer in Delsberg, dem Wohnort seiner Kindheit, eine Reihe von Passagierflügen. Erst gegen Abend machte er sich auf den Weg nach Solothurn. In der «Solothurner Zeitung» vom 5. August 1913 wird festgehalten, dass Borrer die Menschen seiner Heimatstadt auf eine harte Probe gestellt habe. Um zwei Minuten vor sieben Uhr sei der winzig kleine Vogel über dem Weissenstein aufgetaucht. Die ganze Stadt sei in Bewegung geraten und aus dem Stand heraus seien die Leute ins Schöngrün gestürmt.

Umjubelt auf Schultern getragen

Was nun geschah, beschrieb der Redaktor der «Solothurner Zeitung» als Zeitzeuge wie folgt: «In prächtigen Schleifen glitt der mächtige, metallene in der Abendsonne leuchtende Vogel durch die Luft über die Stadt dahin. Tausendfacher Jubel erscholl, als sich der Flieger auf 100 Meter dem Boden näherte. Wieder stürmte der Apparat in die Höhe und in elegantem Gleitflug landete er schliesslich um 7 Uhr 10, umstürmt und umjubelt von der Bevölkerung. Im Nu entsprangen beide Flieger dem Flugzeug. Borrer wurde von seinen Freunden auf den Achseln getragen, im Triumph folgte ihm Labarre in gleicher Weise nach.»

Es wurde sehr viel über Theodor Borrers fliegerische Leistungen geschrieben. Aber was für ein Mensch war er? A. Billo, Redaktor der «Solothurner Zeitung», verwies darauf, dass er als ein rauer Mensch in rauer Schale gelte. Dem könne man aber hundertmal entgegenhalten, dass er ein Mensch sei, auf den man sich verlassen könne, wenn man mit ihm in der Maschine sitze. Dort sei seine Welt und in diesem Rahmen sei er ein «homme du monde», wie er perfekter nicht gedacht werden könne.

Zeichen eines energischen Mannes

An anderer Stelle wird er als «untersetzt, aber breit gebaut» beschrieben. Er habe «ein volles Gesicht, regelmässige Züge, scharfblickende, schwarze Augen. Er besitzt alle Zeichen eines energischen Mannes, der den Blick und die Hand in der Gewalt hat.» Und der Journalist blickte schon in die Zukunft: «Ohne Zweifel wird er einer unserer besten Militärflieger.» Der Verfasser setzte in seiner Begeisterung über die Landung in Solothurn noch einen obendrauf und hob Borrer auf gleiche Höhe mit dem internationalen Helden Oskar Bider: «Wir stellen ihn ohne Zaudern Bider als ebenbürtig zur Seite.» Das ist, zumindest aus heutiger Sicht, doch etwas viel Lokalpatriotismus: Denn immerhin schaffte Bider rund drei Wochen zuvor, am 13. Juli 1913, mit dem Überflug der gesamten Alpenkette von Bern nach Mailand eine Weltsensation.

Ohne Zweifel aber war Theodor Borrer ein talentierter Flieger. Im Buch «Schweizer Luftfahrt» wird er als «einer der tollsten Draufgänger» bezeichnet. Im Verlaufe des Herbstes und Winters 1913/1914 sorgte er für viele Schlagzeilen, bis zu seinem jähen Ende am 22. März 1914: Bei Münchenstein (BL) stürzte er nach einem waghalsigen Flugmanöver wegen Flügelbruchs zu Tode. Wir werden an dieser Stelle auf ein paar seiner fliegerischen Taten zurückkommen – immer genau 100 Jahre später.