Theater
Eine volle Ladung Goethe für die Lachmuskeln

Bei «fast Faust» mit Jens Wachholz und Hanspeter Bader wird «Der Tragödie erster Teil» zum Lustspiel. In göttlicher und herzhafter Weise kann gelacht werden über Pleiten, Pech und Pannen, zu denen Goethe die Vorlage lieferte.

Andreas Kaufmann
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«Fast Faust» - eine Komödie frei nach Goethe - feiert in Solothurn Erfolg
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 Faust (Hanspeter Bader, oben) und Mephisto (Jens Wachholz) auf der Lauer, um Gretchens Herz zu erobern (Fotos: Andreas Kaufmann)
 Faust (links, Hanspeter Bader) und sein Famulus Wagner (Jens Wachholz) beim Osterspaziergang mit obligatem «Eiertütsch». (Fotos: Andreas Kaufmann)
 Margrethe (Jens Wachholz) in Tagträumen versunken... (Fotos: Andreas Kaufmann)
 Mephisto (Jens Wachholz) packt den guten Faust schon mal symbolisch. (Fotos: Andreas Kaufmann)
 Gretchen (Jens Wachholz) wird von Fausts (Hanspeter Bader) Avancen überrumpelt. (Fotos: Andreas Kaufmann)
 Mephisto (Jens Wachholz) überredet Faust (Hanspeter Bader) zu einem teuflischen Pakt. (Fotos: Andreas Kaufmann)
 Jens Wachholz , links, und Hanspeter Bader als Theaterschaffende André und Heiner. (Fotos: Andreas Kaufmann)
 Faust (links, Hanspeter Bader) und Jens Wachholz (Wagner) auf dem Osterspaziergang. (Fotos: Andreas Kaufmann)
 André (Hanspeter Bader, rechts) und Heiner (Jens Wachholz) studieren Goethes Originalvorlage... (Fotos: Andreas Kaufmann)
 André (Hanspeter Bader) beim «Vorspiel auf dem Theater» leitet zu «Fast Faust» über. (Fotos: Andreas Kaufmann)
 Goethe (Hanspeter Bader, links) und Wagner (Jens Wachholz) vor dem Osterspaziergang. (Fotos: Andreas Kaufmann)
 Goethe (Hanspeter Bader) betrachtet im Gedankenspiegel die holde Helena und Mephisto (Jens Wachholz) guckt ihm zu. (Fotos: Andreas Kaufmann)
 Goethe (Hanspeter Bader, links) lässt sich auf einen Deal mit dem leibhaftigen Mephisto (Jens Wachholz) ein. (Fotos: Andreas Kaufmann)
 Goethe (Hanspeter Bader) in seinem Studierzimmer. (Fotos: Andreas Kaufmann)
 Das ganze Team wird mit lang anhaltendem Applaus verdankt: Hanspeter Bader (Faust, Gott), Madeleine Lehmann (Ausstattung), Pedro Haldemann (Regiemitarbeit) und Jens Wachholz (Mephisto, Margrethe) (Fotos Andreas Kaufmann)

«Fast Faust» - eine Komödie frei nach Goethe - feiert in Solothurn Erfolg

Eine kleine, liebenswürdige Blasphemie schwebt über der Bühne: ein Pannendreieck im göttlichen Glanz. Passt: Denn was darauf folgt, lässt sich durchaus unter «Pleiten, Pech und Pannen» abbuchen, in einer Weise jedoch, die herzhaft und göttlich lachen lässt. Doch wir sprechen nicht von der «Göttlichen Komödie», nein, Goethe lieferte die Vorlage. André (Hanspeter Bader) und sein Schauspielkollege Heiner (Jens Wachholz) sind die Protagonisten in «fast Faust», das im Theater im Uferbau (TUB) unter Mitwirkung von Pedro Haldemann und Madeleine Lehmann am Donnerstag vor rund 70 Zuschauern seine Schweizer Premiere feierte.

Zeitgemässe Portion Theater

Es handelt sich also nur fast um «Der Tragödie erster Teil», weil diese Fassung sich nicht über vier langatmige Stunden hinwegzieht, sondern auf anderthalb herunterkomprimiert wurde. Verdaulich für «45-Minuten-Konsumenten, denn auch wir müssen mit der Zeit gehen», entschuldigt sich André im «Vorspiel auf dem Theater». «Fast Food» – oder eben «Fast Faust», dennoch leicht verdaulich wie nahrhaft. Es ist aber halt auch nur deshalb fast Faust, weil Heiner die Dritte im Bunde, Hannah, aus übereifrigem Vaterinstinkt bereits in der fünften Schwangerschaftswoche in den Mutterschaftsurlaub geschickt hat. Soviel zur Panne, die nicht die einzige bleibt. Das dramaturgische Terzett wird zum Duo. Und wenn «zwei Seelen, ach!» in Fausts Brust wohnen, sind es bei der Persiflage aus der Feder des Österreicher Autoren und Schauspielers Albert Frank halt noch ein paar mehr.

Fliegender Rollenwechsel

So wird Hanspeter Bader als Faust zuweilen zu Gott oder zur Hexe, währenddem Jens Wachholz neben dem teuflischen Mephisto auch mal in die Rolle des lieblichen Gretchens («Beim Himmel, dieses Kind ist schön!») schlüpft oder den Famulus Wagner mimt. Dieser nämlich verschläft – typisch Student! – den Osterspaziergang mit seinem Prof und versagt dann auch noch beim «Eiertütsche». Der Erdgeist, der dem Wahrheitssucher Faust mit Taschenlampe einen Besuch abstattet, erinnert eher an eine Slapstickvorlage als an das mystische Original. Doch ist «fast Faust» bloss eine Vergangenheitsbewältigung für all jene, die schon im Deutschunterricht mit Goethe drangsaliert wurden und sich durch den Klamauk dafür gerächt fühlen? Nicht nur, denn «fast Faust» ist mehr als Schenkelklopferhumor, aber auch mehr als Rache an der Schulliteratur.

Der Dogge statt des Pudels Kern

Dies zeigt sich auch, wenn die Handlung zweck Kommentierung unterbrochen wird. So findet Heiner Pudel blöd, wäre es doch viel passender, wenn Mephisto stattdessen aus dem Kern einer Deutschen Dogge Gestalt schlüpfen könnte: «Goethe hatte doch bloss Angst vor grossen Hunden», winkt er ab, während André an den Einwänden und Gebahren seines Bühnenkollegen schier verzweifelt. Und dann wird auch noch die abwesende schwangere Hannah als «Running Gag» immer wieder zum Zankapfel der beiden. Aus Pudel wird Dogge, aus der Gretchen- die Hannahfrage. Natürlich geben die Protagonisten bei diesem zeitgenössischen Faust ihrem Publikum auch noch ein kleines Bühnen-ABC mit auf den Weg. Wenn nämlich die beiden Darsteller lautlos und mit rudernden Armen auf der Bühne vorbeischweben, so handelt es sich um eine «dramatische Tarnkappe». Und wenn die Kerkerszene bloss mit Barbie und Ken und einem Einkaufskörbchen als Zelle inszeniert wird, so ist dies eine «mikroskopische Minimierung.»

«Mini» ist auch die Kulisse gehalten: So kommt das erprobte Duo Bader-Wachholz ohne viele Utensilien aus. Rasche Wechsel der Rollen und Handlungsebenen, sowie der Humor zweier Charakterköpfe halten den Spannungsbogen auch so aufrecht, bis unter anhaltendem Applaus der Vorhang, pardon, das Pannendreieck fällt.

Daten 14./15./20./21./22. Oktober, 20 Uhr, «Uferbau», Reservation: Tel. 0326212003