Kulturgarage

Eine TV-Show kommt in der Theaterverpackung daher

Vera Probst, Regisseurin (auf statt hinter der Bühne), und Schauspieler Jens Wachholz giessen die Talkshow-Kultur in eine neue, theatrale Form. Ihre satirische Devise: «We love to unterhalt you».

Vera Probst, Regisseurin (auf statt hinter der Bühne), und Schauspieler Jens Wachholz giessen die Talkshow-Kultur in eine neue, theatrale Form. Ihre satirische Devise: «We love to unterhalt you».

Ab 12. Oktober lancieren Jens Wachholz und Vera Probst in der Kulturgarage mit «11 nach 9» ein neues Format: Talkschau auf der Bühne.

Wie lassen sich der reale Wahnsinn des TV-Unterhaltungssumpfs und das verbale Gemetzel in der Politarena am besten ertragen? Die beiden Theatermenschen Jens Wachholz und Vera Probst dürften mit ihrem neusten Geistesblitz die ersehnte Antwort auf diese Frage liefern. Indem sie besagten Wahnsinn überzeichnet darstellen, ihn neu erfinden und ihm so eine erfrischende Form verpassen, teils sachlich, ernst, teils satirisch, teils unterhaltsam.

Nach ihrer vorigen Zusammenarbeit im medienkritischen Stück «Endstation Fernsehen» zündete bei beiden unabhängig voneinander die gleiche Idee eines Anschlussprojekts. Vielleicht aus einer Not heraus? Hatten sie doch nach nächtelangem TV-Studium in der Niveautiefflugzone für die Stückerarbeitung eine innere Reinigung nötig. Eine Bewältigungsstrategie musste also her.

Bühne statt Flimmerkasten

Nun soll aber vor allem das Publikum von den Früchten ihres Prozesses profitieren: Am 12. Oktober beginnt unter dem Namen «11 nach 9» die späte Talkschau, die nun eben nicht aus dem Kasten flimmert, sondern auf der Bühne passiert: TV-Show in der Theaterverpackung quasi. Einmal pro Monat nehmen in der Kulturgarage an der Unteren Steingrubenstrasse Gäste bei «Anchorman» Jens Wachholz Platz, während «Sidekick» Vera Probst – ebenso gut sicht- und hörbar – Technik und Regie der Live-«Sendung» meistert. «Bisher wurde ich hierfür ins stille Kämmerchen verbannt», sagt sie.

Doch hier gehört auch das «Making of» zum dramaturgischen Konzept. Hier fällt auf den Bereich hinter der Kulisse ebenso Scheinwerferlicht. Manchmal wird dieses bei «11 nach 9» auch auf Hofmusiker Basil Medici oder die Rechtsberaterin und Barkeeperin gerichtet. Oder aufs Publikum? Bei gedämpftem Licht und stets geöffneter Bar soll kein «Frontalunterricht» stattfinden. Stattdessen wird eine Bistro-Atmosphäre «wie im Literaturclub entstehen», sagt Wachholz.

Das Übrige soll ein auf Retro getrimmtes Bühnenbild mit Synton-Mikrofon von «anno tubak» im Untergeschoss der Kuga dazu beitragen. «Wir lieben halt beide alte Sachen», gibt Wachholz zu. Und auch, dass der Berliner Flegel-Entertainer Kurt Krömer nicht nur beim Innendesign Inspiration war. Das angeregte Gespräch in der Kuga soll mit improvisiert theatralen Einlagen, ironischen Produkteplatzierungen und zum Teil peinlichen Video-Einspielern gewürzt werden.

Für Politik, Kultur, Gesellschaft, aber auch Lebenshilfen wie Fleckenentfernungstipps, und die von Wachholz selbst praktizierte wichtigste Nebensache der Welt hats Platz. «Erst recht, wenn der FC Solothurn souveräner Tabellenführer bleibt.» Aktuellen Anlässen und Themen soll eine Bühne geboten werden. Und den Persönlichkeiten, die etwas zu diesen Themen zu sagen haben.

Zum Beispiel Franziska Roth, mit der die Reihe den Auftakt macht. «Wir könnten beispielsweise darüber sprechen, wie übertrieben amerikanisch der Solothurner Wahlkampf ums Stadtpräsidium geführt wurde.» Oder: Wie man seine individuelle Meinung gegen die Fraktionstreue austariere. Später sind auch Talks mit Stadtpräsident Kurt Fluri oder Wetterfee Sandra Boner geplant.

Beim Small Talk allein wirds nie bleiben: Wachholz findet, dass die Diskussionskultur im Fernsehen oft zu glatt sei. «Niemand traut sich mehr, einen Gedanken zu Ende zu führen», kritisiert er. Es sei die Schere im Kopf, die verhindere, dass man auch einem gestandenen Promi mal auf die Füsse trete. Deswegen aber müsse sich keiner der designierten Gäste rhetorisch auf die Moderationskeule von Wachholz vorbereiten. «Vorbereiten kann man sich höchstens an der Bar», sagt Probst.

Wachholz als Abwart

Noch wird der Kuga-Keller für die Premiere umgestaltet: Neue Stühle, neue Bühne, neue Scheinwerfer. «Nebenberuflich mach ich derzeit den Abwart in der Kuga», sagt Wachholz. Finanziert wird das Projekt, das sich an vorerst acht Durchführungen bewähren muss, durch Sponsoren, durch eine Defizitgarantie der Stadt, sowie durch ein Crowdfunding auf der Plattform www.projektstarter.ch, die von einem jungen Solothurner Unternehmen betrieben wird.

Hinter aller inhaltlicher Ausrichtung wird bei «11 nach 9» auch immer Grundsatzkritik am Medienkonsum mitschwingen. «Zuviel TV macht taub, vor allem für den Dialog mit sich selbst», sinniert dazu Wachholz. «In unserer Generation merken wir ab und zu, wie gut es tut, den Fernseher für einige Tage auszuschalten – ausser es läuft Fussball.»

Daten 12.10., 9.11., 14.12., 11.1., 15.2., 8.3., 12.4. und 17.5. jeweils 21.11 Uhr in der Kulturgarage. Infos: www.11nach9.com

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