Die Spannung steigt mit dem Aufstieg. Andreas Schäfer, stellvertretender Leiter des Naturmuseums Solothurn und Herr über ein etwas schummeriges Kuriositätenkabinett an der Werkhofstrasse 52, lächelt: «Es sind genau 92 Stufen.» Was erwartet den nicht Eingeweihten, wenn er diese überwunden hat? In Alkohol eingelegte Schlangen und Anormalitäten, Tiger und Löwen mit aufgerissenen Mäulern und Hyänen, die einen das Fürchten lehren? So etwa sah es in der naturhistorischen Abteilung des ehemaligen Stadtmuseums aus, bevor dieses 1978 aufgelöst und zum heutigen Kunstmuseum umgebaut wurde.

Ein Teil unserer Geschichte

Erleichterung. Zum Empfangskomitee gehören ein Strauss, der als grösster Laufvogel der Erde zweifellos Respekt einflösst, und ein paar Orang-Utans, die sich hinter Glas zwischen Baumästen durchangeln. Nachdem man an ein paar weiteren Vögeln, Rehen, Steinböcken, Krokodilen, Schlangen und einer wertvollen Insektensammlung vorbeigeschlendert ist und auch dem Bären Urs des Solothurner Bildhauers Urs Eggenschwiler im Original Ehre erwiesen hat, reibt man sich leicht irritiert die Augen: Was treibt Museumsleute an, in einem verstaubten Dachstock, der weit davon entfernt ist, ein optimales Raumklima sicherzustellen, Tierpräparate mit Beschriftungsetiketten aus längst vergangenen Zeiten aufzubewahren?

Andreas Schäfer lächelt erneut: «In den Vitrinen, Schubladen und Regalen ruht nicht nur der Bestand aus dem ehemaligen Museum für Kunst und Wissenschaft, sondern auch ein Teil unserer Geschichte. Indem wir zu unserer naturwissenschaftlichen Sammlung Sorge tragen und versuchen, sie vor Insektenfrass und Pilzbefall zu schützen, tragen wir auch zur Geschichte unserer Region Sorge.» Dieser Satz regt zum Nachdenken an. Tierpräparate aus aller Herren Länder, die sich altershalber zu häuten beginnen, Teil unserer Geschichte?

Grosser wissenschaftlicher Wert

Andreas Schäfer präzisiert: «Der wissenschaftliche Wert einer Materialiensammlung wie sie im Aussendepot an der Werkhofstrasse anzutreffen ist, darf nicht unterschätzt werden.» Mit ihren Sammlungsbeständen verhelfe auch das Naturmuseum Solothurn der Wissenschaft zu wichtigen Erkenntnissen.

Der studierte Zoologe denkt dabei unter anderem an die heutigen DNA-Analysen, dank denen auch altes Sammlungsmaterial entschlüsselt werden kann und damit wertvolle Einblicke in die naturwissenschaftlichen Zusammenhänge und Lebensbedingungen früherer Epochen ermöglicht.

Viele gehen auf Reisen

Doch nicht nur die Wissenschaft profitiert von den alten Schätzen, die im Estrich der ehemaligen Bezirksschule gehegt, gepflegt und laufend inventarisiert werden. Auch Lehrpersonen, Schülern und sonstigen Interessenten wird auf Anfrage die Tür zu den alten Präparaten geöffnet. «Wir leihen unsere Objekte grundsätzlich an alle aus, die mit ihrer Unterschrift bekräftigen, dass sie diese mit Sorgfalt und Respekt behandeln werden.

Auf diese Weise gehen pro Jahr von den im Aussendepot gelagerten 3000 Präparaten rund 250 auf Reisen – und kommen regelmässig wieder zurück. Ihr Wert ist in Franken nicht zu beziffern. Er liegt in der Echtheit und Einzigartigkeit des Materials.» Von «veralteten» und deshalb «unnützen» Objekten zu sprechen, wäre weit daneben gegriffen. «Vor allem die unsichtbaren Sammlungen bilden den eigentlichen Kern und das Herz eines Naturmuseums» sagt Andreas Schäfer, der ab und zu von besseren Lagerbedingungen träumt.

Exoten haben ausgedient

Im Gegensatz zu früher geht es in regionalen Museen und ihren Sammlungen heute vor allem darum, die einheimische Fauna und Flora zu dokumentieren. Der hübsche Biber, der einen inmitten der Exoten neugierig anguckt, spricht für diesen Wandel. «Die Zeiten, als in den Naturmuseen das Exotische und Spektakuläre in den Vordergrund gerückt wurden, sind vorbei», betont Andreas Schäfer. Seit die Menschen Gelegenheit hätten, selber in fremde Länder zu reisen und fremde Tiere auch medial präsent seien, bestehe kein Grund mehr, diese in einer hiesigen Ausstellung zu zeigen. Es genüge, die bestehenden Präparate sorgfältig aufzubewahren und zu dokumentieren.