Stadtorchester Solothurn
Eine Neujahrs-Matinee, die alle von den Sitzen riss

Operetten-Seligkeit mit Tenorschmelz, dazu eine Prise Dreivierteltakt und Rossini-Crescendi – mit diesen Zutaten gestalteten Gastsolist Raimund Wiederkehr und das Stadtorchester Solothurn unter der Leitung von Harald Siegel ihre Matinee.

Silvia Rietz
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Raimund Wiedekehr begeistert hier als Räuber in der Operette «Banditenstreiche». Auch an der Neujjahr-Matinee wusste er zu erfreuen.

Raimund Wiedekehr begeistert hier als Räuber in der Operette «Banditenstreiche». Auch an der Neujjahr-Matinee wusste er zu erfreuen.

archiv/Peter Siegrist

Rossinis Ouvertüren sind quasi die musikalischen Rossini-«Antipasti» des gleichwohl begnadeten Komponisten und Kochs. Sind sprühende, in sich vollkommene Musikstücke, die keine der Opernmelodien vorwegnehmen.

Passend zum Konzertauftakt die Wilhelm-Tell-Ouvertüre, bei der die Celli mit einen betörend elegischen Beginn glänzten. Fesselnd auch, wie Harald Siegel zum Finale den raschen «Galopp-Marsch» als kalkulierte Raserei steigerte.

Was für eine Ouvertüre und was für ein «Vorhangöffner» für Raimund Wiederkehr, der lustvoll und doch mit höchstem gesangstechnischen Anspruch Tenorhits aus Oper und Operette servierte. Mit Charme und nostalgischer Attitüde erwies er sich als stilvoller Operettenheld und souveräner Operntenor.

Am meisten erstaunte jedoch, wie sehr sich das Stadtorchester Solothurn unter dem Taktstock von Harald Siegel weiterentwickelt hat. Da werden musikalische Details erarbeitet, Pianissimo-Stellen auch wirklich piano und intonationssicher gespielt.

Er bringt spürbar neuen Schwung ins Orchester und aufs Konzertpodium. Mischt er Operettenglanz mit Walzerträumen zum Wiener Melange, blitzt Spielfreude in den Augen und die Musikerinnen und Musiker folgen ihm inspiriert. Zusammen hauchen sie der leichten Muse Leben ein.

«Dein ist mein ganzes Herz»

So wie mit Johann Strauss «Zigeunerbaron», wo Raimund Wiederkehr «Als flotter Geist, früh verwaist, hab ich die halbe Welt durchreist» sang. Er gestaltete Sandor Barinkays Auftrittsarie zu einer kleinen Performance, nahm das Motto vorweg, unter dem er Tenor-Highlights kredenzte und selbst vor «Rigoletto» nicht zauderte.

Vielmehr entführte er an den Hof von Mantua, wo er sich als Herzog mit «Questa o quella» aufs Verdi-Parkett wagte. Mit der Ballade von «Kleinzack» kehrte er als «Hoffmann» in Lutters Weinschenke ein, wo Harald Siegel in Personalunion den Chorpart übernahm.

Durchaus nüchtern animierte Raimund Wiederkehr als heissblütiger Sizilianer zum Trinken, prostete dem Publikum zu. Der kleidsame Mantel aus bordeaux Seidenbrokat hätte perfekt zum Prinzen aus dem Reich der Mitte gepasst.

Doch Sou-Chong schmachtete «Dein ist mein ganzes Herz» im edlen Frack und mit dem Quäntchen sentimentalen Pathos, nach dem Franz Lehárs «Das Land des Lächelns» verlangt.

Während das in allen Registern sehr gut dotierte Orchester mit Puccini und Offenbach punktete und mit Strauss’ «Bauernpolka» dem Einfluss der Volksmusik auf die Wiener Salons nachzuspüren, sich mit «Hahaha» noch als Chor einbrachte und mit lang anhaltendem Applaus gefeiert wurde.

Schlusspunkt Radetzky-Marsch

Gespannt richtete sich der Blick des Publikums auf die Bühne, um die erste Zugabe zu erwarten. Derweil spazierte Raimund Wiederkehr durch den Konzertsaal nach vorne, ein weisser Schal lässig um den Hals drapiert.

Doch nicht wie angenommen mit Danilo ins «Maxim» ging die Operetten-Reise, sondern zum Lehár-Evergreen «Gern hab ich die Frau’n geküsst, hab nie gefragt, ob es gestattet ist», mit dem «Paganini» Raimund Wiederkehr zwar nicht seine kostbare Geige zurückholte, aber die Herzen aller Damen und Herren gewann.

Es kam, wie es kommen musste: Der Radetzky-Marsch von Vater Strauss setzte den rasanten Schlusspunkt unter eine ebenso beschwingte wie mitreissende NeujahrsMatinee.