Es gehört in den Rucksack eines jeden integrationswilligen Neu-Solothurners hinein: das Notenblatt zum Solothurner Lied. Und wer «das Städtli wunderhübsch» in der Musikabteilung der Zentralbibliothek Solothurn schon nur ausspricht, bekommt dieses Notenblatt dort freundlicherweise in die Hand gedrückt. Für gesangsfreudige Besucher liegt es nämlich parat. Natürlich lässt sich darüber streiten, wie blau der Aarestrand in Wirklichkeit ist oder wie laut der morgendliche Kehrichtwagen über die «Bsetzistei» donnert. Dennoch ist die alte Weise eine Liebeserklärung an Solothurn und an die Beständigkeit seiner Werte und seiner Substanz: «’s isch immer eso gsi» eben, damals wie heute.

Damals, das war die Fasnacht vor genau 100 Jahren, als Carl Robert Enzmann, der Domkaplan von Solothurn, aus der Not eine Tugend machte. Die Stadtmusik Konkordia hatte eine Karnevalsaufführung unter dem musikalischen Thema «Lang, lang ists her» durchgeführt. Dahinter steht ein Stück, das im 18. Jahrhundert in den Schatz des deutschsprachigen Liedguts gelangte und zuvor als irisches Volkslied unter dem Titel «Tell me the Tales» und dann «Long, long ago« bekannt war. Enzmann beriet sich nun mit Domkapellmeister Kamber und kam zum Schluss, dass der Text eine Auffrischung vertragen könnte, die dem Solothurner Gemüt eher gerecht wird: Aus «Lang, lang ists her» wurde das Gegenteil: «’s isch immer so gsi», niedergekritzelt auf einem Kuvert. Und als die achte Strophe fertiggedichtet war, stimmten der Pfarrer und die anderen Kaplane in den Gesang mit ein.

Der Pfarrer soll zur Freude über den geglückten «Fasnachtsstreich» sogar eine Flasche Wein spendiert haben. Carl Robert Enzmanns persönliche Liebeserklärung an Solothurn wurde so bald auch zum Herzensbekenntnis der ganzen hiesigen Stadtbevölkerung.

Zahlreiche Neuinterpretationen

Seither wurde das Solothurner Lied zahlreich neu interpretiert, originalgetreu, jazzig, instrumentell. Komponist und Stadtmusikdirigent Stephan Jaeggi (1903–1957) baute das Thema gar geschickt auch in den Solothurner Marsch ein. Leider findet man – wie der Bestand der Zentralbibliothek zeigt – nach der Schallplatten-Ära nur noch wenige Aufnahmen von Enzmanns Schöpfung.

Neben seinen Sprösslingen hat das Solothurner Lied aber auch «Verwandte zweiten Grades», wenn man den Stammbaum von der irischen Wurzel her verfolgt: Glenn Miller liess sich in den 1940er-Jahren für sein «Don’t sit under the Apple Tree» unüberhörbar davon inspirieren. Auch die populären The Andrews Sisters trugen den Song vor. Mitte der 1950er-Jahre folgte ein Duett von Nat King Cole und Dean Martin, die die Tonfolge etwas originalgetreuer unter dem Titel «Long, long ago» interpretierten.

Die "Geschwister" des Solothurner Lieds

Die "Geschwister" des Solothurner Lieds

Im deutschsprachigen Raum griff Peter Kraus das Thema auf und sang in den Sechzigerjahren «Dass das Klavier halbwegs menschlich noch klang – lang, lang ists her.» Hingegen ist es den Machern der Fernsehserie «Star Trek» zu verdanken, dass es das Solothurner Lied gewissermassen sogar in die unendlichen Weiten des Weltraums schaffte: So wird 1966 in einer Folge gar Captain Kirks Auftritt damit untermalt. Wenn man nun von offizieller Seite her bei Enzmanns Werk nur von der inoffiziellen Stadthymne spricht, ist das – kosmologisch gesehen – eine grobe Untertreibung.

Quelle: Hans Brunner (Hg.): Carl Robert Enzmann, Solothurn. Verlag Knapp, Olten.