Sinfonie Orchester Biel
Ein verheissungsvolles Talent der Klassikszene spielte im Konzertsaal

Nicht immer lösen Künstler ein, was grosse Plakatlettern versprechen. Anders beim angekündigten «Tastenzauber» und «Gipfel der Schönheit» mit der jungen Pianistin Claire Huangci und dem von Kaspar Zehnder geleiteten Sinfonie Orchester Biel – das furiose Konzert erfüllte alle Erwartungen.

Silvia Rietz
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Dirigent Kaspar Zehnder lotste Solistin Claire Huangci und die Musiker des Sinfonie Orchesters Biel geschmack-sicher durch alle Klippen.

Dirigent Kaspar Zehnder lotste Solistin Claire Huangci und die Musiker des Sinfonie Orchesters Biel geschmack-sicher durch alle Klippen.

Hansjörg Sahli

Tatsächlich darf sich glücklich schätzen, wer die atemberaubende Aufführung von Rachmaninows zweitem Klavierkonzert miterlebte. Die 23-jährige in den USA geborene Chinesin spielt den Klavierpart mit expressivem Schwung, ausgefeilter Technik und Empathie – schlicht ein Ereignis. Dabei präsentiert sich die mit renommierten Preisen ausgezeichnete Claire Huangci keineswegs als reine Tastenakrobatin, sondern gestaltet hoch musikalisch, mit viel Agogik und stilvollem Rubato. Die Welt liebt Rachmaninows rauschende Melodien, brillante Passagen und donnernde Akkorde. Gerade für junge Solisten ein Gratwandern zwischen artistischer Fingerfertigkeit und durchdachtem Werkdeuten.

Claire Huangci gehört zweifellos zu den verheissungsvollsten Talenten der Klassikszene. Eines, das Rachmaninows Seelenmusik mit einem poetisch-virtuosen Spiel zelebriert. Nie erklingt verkitschte Süsse, sondern hochromantische Musik, die den Alltag vergessen lässt und in andere Sphären trägt. Dies kann nur gelingen, wenn das Orchester auf gleichem Niveau musiziert, wie das Sinfonie Orchester Biel mitzieht, sich voller Spielfreude hingibt, anstecken und inspirieren lässt. Zu danken ist dies Kaspar Zehnder, der Solistin und Orchestermusiker geschmacksicher durch alle Klippen lotste, ihr Zusammenspiel koordinierte und gemeinsam mit ihnen einen grandiosen Tasten- und Orchesterzauber entfachte. Die Zuhörenden feierten alle Beteiligten mit tosendem Beifall.

Bevor Zehnder nach der Pause den Taktstock hob, wandte er sich direkt ans Publikum und sagte, dass das ab nächster Spielzeit Sinfonie Orchester Biel Solothurn heissende Orchester sich mit regelmässigen Konzerten etablieren möchte. «Heimisch fühlen wir uns schon jetzt», lächelte er.

Zu welchen Spitzenleistungen ein motiviertes Profiorchester fähig ist, zeigten die «Bieler» mit der Sinfonie Nr. 2 in D-Dur von Brahms. Die von Kontrasten erfüllte zweite Sinfonie gehört vielleicht zum reichsten Orchesterwerk, das Brahms geschaffen hat. Das SOB lotete aus, was der Kopfsatz an Kantilenen bereithält, schwelgte in der herben Dramatik des zweiten Satzes. Fächerte auf, was im dritten Satz an Witz, Variationskunst und plötzlichem Schmerz steckt. Um dann jenen unwiderstehlichen Jubel, der das Finale erfüllt, mit schlankem Klang und voller Ekstase aufblühen zu lassen. Zu Recht wurden Kaspar Zehnder und seine Musikerinnen und Musiker mit lang anhaltendem Applaus und Bravorufen gefeiert – gemeinsam haben sie den «Gipfel der Schönheit» erklommen.

Der Solothurner Kulturkalender strotzt vor verschiedensten Angeboten und besitzt mit dem Stadtorchester Solothurn sowie dem Solothurner Kammerorchester zwei engagierte Laienorchester, die solide und famose Konzerte aufführen. Das für die Kantonshauptstadt neue Profiorchester darf nicht als Konkurrenz gesehen, sondern als bereichernde Erweiterung geschätzt werden, die Sternstunden schenkt.

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