Solothurn

Ein uraltes Brett ist wieder «in»: Wieso sich Jugendliche für Schach begeistern

Polina Fellmann und Dario Hofer messen sich bei einer Blitzpartie Schach.

Schach ist in: Immer mehr Jugendliche begeistern sich für das Brettspiel. So auch beim Schachklub Solothurn.

Die Augen des Zaungasts können kaum mithalten: Hände sausen in rasantem Tempo in die Tischmitte zum Spielbrett oder zur Schachuhr. Sie geben den Takt für den nächsten Spielzug an. Und im noch schnelleren Rhythmus feuern die Synapsen in den jungen Köpfen. Ein Dutzend konzentrierter Kinder und Teenager misst sich bei einer Blitzpartie.

Für sie alle ist ein Schachbrett nicht einfach ein verstaubtes Relikt, das neben der Videospiel-Konsole oder dem Smartphone sein Dasein fristet, ohne dass man damit etwas anzufangen wüsste. An drei Abenden in der Woche – mittwochs bis freitags – pilgern Kinder und Jugendliche aus der ganzen Region ins Solothurner Heidenhubel-Quartier, um im Schachklub Solothurn zu trainieren.

Und diesem sind die Probleme unbekannt, mit denen viele andere Vereine je länger je mehr zu kämpfen haben: Mitgliederschwund und Nachwuchsmangel. Neben 50 erwachsenen Aktiven erfreut sich der 1923 gegründete Klub einer Jungmannschaft, die aktuell über 40 Köpfe zählt. Der jüngste von ihnen ist siebenjährig. «Keiner ist gezwungen zu kommen», macht Juniorenverantwortlicher Thomas Freiburghaus deutlich. Und Spielleiter Anton Meier ergänzt: «Je besser sie spielen, umso häufiger kommen sie.»

Aus Spass am Schachspiel

Zu den Junioren gehören auch die 13-jährige Polina Fellmann aus Biberist, sowie der 11-jährige Dario Hofer aus Recherswil. Bei ihm war es der Grossvater, der ihn für Schach begeistern konnte, «und mit neun Jahren wollte ich unbedingt Grossvater besiegen und Unterricht nehmen.» Mit zehn fand er dann über Freunde den Anschluss an den Schachklub. Er erkennt die eigene Entwicklung seither: «Man sammelt halt Erfahrung und erkennt bald schneller, wenn der Gegner einen Angriff startet», sagt Dario. «Wir haben uns mit der Familie in den Sommerferien immer mit Brettspielen befasst», erinnert sich dagegen Polina. Die Faszination am Schachspiel, dessen Regeln sie bereits mit sieben Jahren verinnerlicht hatte, habe sie dann erst später gepackt. Bald fand auch sie den Weg zum Schachclub Solothurn – und zu den ersten Schachturnieren. «Am Anfang war ich nervös, aber heute macht es vor allem Spass, sich mit anderen zu messen.»

Tatsächlich findet man auch auf der Vereinhomepage ein rege und mit Stolz dokumentiertes Portfolio an Wettkampferfolgen bei Schweizer Mannschafts- oder Gruppenmeisterschaften, denen man auch die Jungmannschaft aussetzt. Weiter sind die Junioren auch bei den Klubturnieren wie dem «Bänzeblitz» anwesend und spielen dabei gegen Vereinskollegen jeden Alters; auch, um die Wettkampfhärte zu erhalten. Oder dann messen sie sich mit Gelegenheitsspielern anlässlich der öffentlichen Stadtmeisterschaft. Und nach den Turnieren werden die aufnotierten Spielzüge analysiert: Lernen aus Fehlern.

Regelrechter Schachboom

Dass der Schachsport gerade junge Menschen zunehmend fasziniert, sei eher ein Phänomen jüngeren Datums, stellt Freiburghaus fest: «Dieser Boom hat sich erst in den letzten fünf Jahren eingestellt.» Gerade aufkommende kommerzielle Schachschulen zeugen von dieser Entwicklung. «Von diesen gibt es aber in der Region keine, vermutlich, weil wir als Verein das Terrain abgesteckt haben.» Spitzenschachspieler seien allgemein jünger geworden, findet Meier und nennt als prominentes Beispiel den Norwegen Magnus Carlsen, der 2004 bereits im Alter von 13 Jahren Schachgrossmeister geworden war. Zudem ist auch der jeweils durchgeführte Ferienpass-Kurs beste Werbung für den Verein.

Nicht zuletzt ist «Schach die Sprache der Völker», so Freiburghaus. Und so sei der Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund eher überdurchschnittlich. Gerade in Osteuropa, vor allem aber in den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion, hat das Schachspiel eine lang verwurzelte Tradition.

Und natürlich weiss Anton Meier um die persönlichkeitsbildende Funktion und den «Lerneffekt», die das Schachspiel mit sich bringt. «Die jungen Menschen lernen, mit Rückschlägen umzugehen und mit Anstand zu gewinnen – oder zu verlieren.» Gleichzeitig ist es auch eine Schule im Planen und strategischen Denken: «Man wird aufmerksam, was während eines Spiels passiert und sammelt Erfahrung, was man besser machen kann», sagt Polina.

«Die Logik des Schachs hilft den Junioren, Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge besser zu erkennen», sagt Meier als ehemaliger Kantilehrer in Mathematik und Physik. Und nicht zuletzt zählt auch das Zwischenmenschliche: «Wir vermitteln auch, dass der Gegner kein Feind ist, sondern ein Partner, den man benötigt, um überhaupt spielen zu können.»

Öffentliche Stadtmeisterschaft Start am Fr, 11. Januar, 20 Uhr. Weitere Daten und Anmeldung: www.sksolothurn.ch

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