Uhrmacherei
Ein Uhrwerk mit viel Solothurn drin

Wie eine Schwarzwälder Uhr voller «Öufi» den Weg zu Uhrmacherin Nicole Nil fand. Die Uhrmacherin hat Anfang Jahr das Atelier von Fredy Isch übernommen.

Jasmin Krähenbühl
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Nicole Nil mit dem Tischregulator, dessen Reparatur es in sich hatte.
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Nicole Nil mit dem Tischregulator, dessen Reparatur es in sich hatte.
Nicole Nil mit dem Tischregulator, dessen Reparatur es in sich hatte.
Nicole Nil und die Schwarzwälder Uhr

Nicole Nil mit dem Tischregulator, dessen Reparatur es in sich hatte.

Hanspeter Bärtschi

Es tickt und tackt, es schlägt und gongt. Uhren, wo man hinschaut, an den Wänden, auf den Tischen und Stühlen, Zahnrädchen, Uhrzeiger, Federhäuser und wundersame Werkzeuge liegen da. Inmitten von alledem arbeitet die Uhrmacherin-Rhabilleuse Nicole Nil.

Das Atelier an der Känzelistrasse in Solothurn hat sie auf Anfang Jahr vom renommierten Solothurner Uhrmacher Fredy Isch übernommen, der in Pension getreten ist (wir berichteten). Als Besucher ist man von der Atmosphäre sofort in Bann gezogen.

Die Vielfalt an Drehpendeluhren, Tischregulatoren und Comtoisen ist faszinierend – doch nur eine einzige Uhr birgt eine solothurnische Überraschung.

Trickreiche Reparatur

«Das ist er», sagt Nil und zeigt auf einen auf den ersten Blick eher unscheinbaren kleinen Tischregulator. Er stammt aus dem Schwarzwald und wurde vor ungefähr 110 Jahren in der Jugendstilepoche gefertigt.

Sie hat ihn vor einigen Wochen vom ehemaligen Präsidenten der Bürgergemeinde Solothurn Christoph Oetterli in die Reparatur bekommen. «Das war eine echte Challenge», sagt Nil und versucht mit für Laien verständlichen Worten den Reparaturprozess zu erklären. Das Uhrwerk sei eigentlich nicht kompliziert aufgebaut, so Nil.

Die Herausforderung sei die Grösse gewesen. Nur fünf Zentimeter habe das Uhrwerk gemessen – einem so delikaten Stück sei selbst dem erfahrenen Fredy Isch in seiner 40-jährigen Karriere nie begegnet.

Der Defekt des Tischregulators war schnell gefunden: Das Federhaus war kaputt, fünf Zähne davon abgebrochen. Unter beträchtlichem Aufwand flickte Nil dieses. Für die Reparatur musste sie zuerst Spezialwerkzeug anfertigen, weil die für das alte Uhrwerk passenden Formen heute nicht mehr erhältlich sind.

Doch als alles wieder zusammengebaut war, wollte der Tischregulator immer noch nicht ticken. Nicole Nil zog Fredy Isch zurate. Nach langem Tüfteln konnten sie das Problem gemeinsam lokalisieren und beheben: Die Hemmung musste in Präzisionsarbeit um fünf Hundertstel nachkorrigiert werden. «Das Analysieren und Ausprobieren haben am meisten Zeit und Nerven gekostet», erzählt Nil.

Die erfolgreiche Reparatur erfreute Nil und Isch natürlich – doch die Entdeckung, die sie beim Zerlegen des Uhrwerkes machten, war noch um einiges verblüffender. In der Platine und dem Federhaus ist die Zahl 11 eingraviert, die «heilige» Solothurner Zahl schlechthin.

«Welch ein Zufall, dass genau die elfte Serienausgabe dieser Tischregulatoren aus dem Schwarzwald in die Hände eines Solothurners fiel!». Nil ist begeistert von der Entdeckung. Sie klärte sogleich den Besitzer Christoph Oetterli über sein Glück auf. Er findet es ebenfalls «fantastisch», dass sein Tischregulator, der sonst schon eine Rarität ist, auch eine besondere Verbindung zu Solothurn hat.

«Besser als jedes Handbuch»

«Etwa 28 Arbeitsstunden haben wir in diesen Tischregulator gesteckt. Manchmal brachte mich unser ‹Problemkind› fast zum Verzweifeln. Es wollte einfach nicht laufen, obwohl ich keinen Defekt sah» erzählt Nil leidenschaftlich.

Deshalb sei sie sehr froh, dass Fredy Isch immer noch tageweise im Atelier ist und sie ihn um Rat fragen kann. «Wenn man nicht weiterkommt, kann eine zweite Ansicht und ein Perspektivenwechsel wieder neue Türen öffnen». Sie könne extrem von Fredy Ischs Wissen profitieren. «Er hat 40 Jahre praktische Erfahrung: Viele seiner Tipps findet man in keinem Handbuch.»

Nil führt das Atelier heute selbstständig. Viele Anwärter habe es gegeben, die das Atelier von Fredy Isch haben weiterführen wollen, verrät Nil. Eines Tages habe er sie, die vorher schon kleinere Arbeiten im Atelier erledigt hat, gefragt, ob sie seine Nachfolgerin werden möchte.

«Ich habe mich ‹wäuts geehrt› gefühlt und sofort zugesagt», erzählt Nil. «Die Chemie zwischen uns stimmt: Alle Uhrmacher sind ein wenig Freaks.»