«Bike Days»

Ein Toter und ein Schwerverletzter — Schuldfragen rund um das Velofestival

Wie sachgemäss die Streckensicherung beim Jubiläumsanlass «Chasing Cancellara» durchgeführt wurde, klärt derzeit die Solothurner Staatsanwaltschaft ab.

Die beiden tragischen Unfälle an den Solothurner «Bike Days» vom Wochenende werfen Fragen zum Sicherheitsdispositiv auf.

Ein Todesfall und ein Schwerverletzter – zwei tragische Unfälle überschatteten das Zehn-Jahre-Jubiläum der «Bike Days» am vergangenen Wochenende. Nachdem beim Anlass «Chasing Cancellara» in der Altstadt ein 16-Jähriger in der Schaalgasse mit einem auf die Velostrecke herauseilenden Passanten kollidiert war, wurde er mit Verdacht auf ein Schädel-Hirn-Trauma ins künstliche Koma versetzt. Am Samstag verunfallte beim «Swiss Bike Cup» auf einem Waldstück ein 38-jähriger Waadtländer, der dann am Sonntagmorgen seinen Verletzungen erlag.

Dabei stellt sich unweigerlich die Schuldfrage: In beiden Fällen führt zurzeit die Staatsanwaltschaft Untersuchungen durch. Wie Medienbeauftragte Cony Zubler auf Anfrage informierte, werde dabei auch geprüft, ob sich jemand strafrechtlich zu verantworten habe. Über die näheren Umstände und auch über den aktuellen Gesundheitszustand des 16-jährigen Fahrers in der Altstadt konnte die Staatsanwaltschaft aber keine neuen Erkenntnisse mitteilen.

Bike Days fordern erstes Todesopfer

TeleM1 berichtet über die schweren Unfälle an den «Bike Days».

Kinder für Streckenposten?

Zumindest beim tödlichen Selbstunfall rückt die Schuldfrage insofern in den Hintergrund, als dass die Strecke vom Internationalen Radsportverband geprüft worden war und eher von einer Verkettung unglücklicher Umstände ausgegangen werden muss. Beim Unfall in der Altstadt bleiben hingegen Fragezeichen. Zeugen zufolge sollen zum Teil Kinder im Alter um die zwölf Jahre bei einzelnen Streckenposten im Einsatz gestanden sein. Und am Unfallort sei angeblich ein Rollstuhlfahrer postiert gewesen, der kaum die Möglichkeit hatte, den offenbar verwirrten Passanten am Queren der Schaalgasse zu hindern.

Mit Roberto Marchetti meldet sich ein Rennorganisator zu Wort, der schon bei Etappen der Tour de Suisse oder Tour de Romandie Streckenverantwortung innehatte. «Ich kann kein abschliessendes Urteil abgeben. Aber es befremdet mich, dass die Vauban-ständer nicht lückenlos nebeneinander standen.» Dass stattdessen stellenweise Absperrbänder zur Abgrenzung verwendet wurden, sei wenig sinnvoll: «Da kann jeder ‹Gigu› drüber – «eine tödliche Falle». Demgegenüber kenne er aus Erfahrung die für einen publikumsintensiven Anlass nötigen Sicherheitsauflagen: «Und Sicherheit geht über alles.»

Demgegenüber verteidigt Erwin Flury, Chef des «Bike Days»-Organisationskomitees, das Sicherheitsdispositiv: «Wir als Veranstalter haben gemacht, was nötig und richtig ist.» Auch die Aufgabe, die Überquerung der Strecke zu kontrollieren, sei von den Postenverantwortlichen auf ihren jeweils kleinen Streckenabschnitten erfüllt worden. Allfällige Sicherheitsprobleme wie die Postenbesetzung durch Kinder oder allfällige Absperrlücken will Flury nicht kommentieren. «Wir wollen keinen Spekulationen Nährboden geben, sondern die Resultate der Staatsanwaltschaft abwarten», so Flury.

Er bestätigt, dass man mit den «Bike Days» weiterhin in Solothurn gastieren wolle. Wie die elfte Durchführung gestaltet wird und ob die Altstadt darin eine Rolle spiele, bleibt noch offen: «Wir haben in einigen Wochen unsere Abschlussbesprechung, um uns auch zu beraten, was wir ändern können.»

«Unfälle nicht auszuschliessen»

Hätte der Unfall in der Altstadt allenfalls durch die städtischen Behörden verhindert werden können? Hauptsächlich stand Stadtschreiber Hansjörg Boll mit den Organisatoren in Kontakt. Er erklärt das für eine Bewilligung nötige Prozedere: Für eine derartige Nutzung des öffentlichen Raumes braucht es ein Sicherheitskonzept.

Die Stadtpolizei macht nötigenfalls weitere Auflagen und genehmigt den Anlass, sofern ein tragbares Risiko damit einhergeht. «Aber die traurigen Ereignisse zeigen, dass man Unfälle nicht ausschliessen kann», so Boll. Und Peter Fedeli, Kommandant der Stadtpolizei, ergänzt, dass eine Streckensicherung in geeigneter Weise zu erfolgen hat. Was dies konkret heisse, liege aber im Ermessen jener Fachkundigen, die die Strecke prüfen.

Nach erfolgten Schlussauswertungen der «Bike Days» und abgeschlossenen Untersuchungen der Staatsanwaltschaft werde man die Erkenntnisse bei künftigen Bewilligungen berücksichtigen, sagt Boll heute. «Allerdings waren wir bisher bei anderen Anfragen für unsere kleine Altstadt zurückhaltend. Zum Jubiläum der ‹Bike Days› erlaubten wir uns eine Ausnahme.» Das Velofestival selbst stehe aufgrund der Unfälle nicht in Zweifel, so Boll. Beide Seiten loben zudem die gute Zusammenarbeit.

Jenseits der Sicherheitsfrage interessiert gerade an einem gut bevölkerten Freitagabend nun auch die Frage, wer den öffentlichen Raum generell so grossflächig in Anspruch nehmen darf. «Es ist eine Interessenabwägung, die wir für jede Veranstaltung im öffentlichen Raum machen müssen», so Boll. «Es reklamieren bei uns auch jedes Jahr Leute, die eine Fasnachtsplakette fürs Betreten der Altstadt kaufen müssen. Ein schwieriges Thema.»

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  • Der dritte Unfall: Ein spektakulärer - dritter - Unfall auf dem «Dirtjump»-Kurs der «Bike Days» ging glimpflich aus. 

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