Solothurner Filmtage
«Ein Schnäbi zu zeigen, ist immer noch anstössig»

Heute beginnen die 48. Solothurner Filmtage. Direktorin Seraina Rohrer lässt bei ihrem zweiten Festival viel Haut zeigen und fordert einen verstärkten Dialog über Erotik und den Umgang mit Zensur.

Thomas Schlittler
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«Was Europäerinnen in Kenia mit schwarzen Boys treiben»: Szene aus dem Film «Paradies: Liebe» von Regisseur Ulrich Seidl.

«Was Europäerinnen in Kenia mit schwarzen Boys treiben»: Szene aus dem Film «Paradies: Liebe» von Regisseur Ulrich Seidl.

Ulrich Seidl Film Produktion GmbH

FKK, Erotik und Hardcore: Seraina Rohrer hat sich für ihre zweite Festival-Ausgabe ein gewagtes Thema ausgesucht. Die Zürcher Filmwissenschaftlerin zeigt Ausschnitte aus fünf Beispielen mit explizitem Inhalt. Unter den Filmen findet man Schweizer Kino-Perlen wie «Naturisten im Schnee» von Werner Kunz (1959) oder «Bangkok-Porno» von Alain Payet (1977). «Freizügigkeit in Filmen hat seit jeher die Gemüter erhitzt», sagt Rohrer dem «Blick». Doch heute, wo sich der Medienkonsum geändert habe, seien die Grenzen verschwommen: «Es ist sehr amüsant, wie Szenen, die heute als harmlos wahrgenommen werden, früher für einen riesigen Skandal sorgten», so die 35-Jährige. Wenn man sich mit Film beschäftige, müsse man zwingend über Erotik und den Umgang mit Zensur diskutieren. Dafür biete sie in Solothurn gerne Platz.

Die Einladung an den als «Porno-Stöckli» bekannten Filmproduzenten und Kinobetreiber Edi Stöckli beweist diese Offenheit. Der 67-Jährige hat festgestellt, dass die Aufgeschlossenheit hierzulande weiterhin Grenzen hat: «Leider meint man heute immer noch, dass es anstössig ist, ein Schnäbi zu zeigen.» Im Schweizer Fernsehen und in Kinofilmen werde zensiert wie wild. «Lächerlich», meint Stöckli: «60 Prozent der Jugendlichen konsumieren ohnehin Pornografie.» Im Kinofilm aber schwenke die Kamera bei den guten Szenen immer noch weg..

Einfallslose Pornos

Für mehr Erotik auf der Leinwand und Bildschirmen setzt sich Rohrers Podiumsgast Sandra Lichtenstern ein. Die 29-jährige Designerin ist Teil des Basler Künstlerinnen-Duos Glory Hazel, die in ihren «Pornographical Remixes» aus «ästhetischen und künstlerisch wertvollen Pornofilmen» neue Werke mit einer «positiven Ausstrahlung» geschaffen hat. «Heutige Pornos sind mehrheitlich einfallslos, es geht nur um das Zoomen auf möglichst viele Löcher. Das erregt Menschen mit einem visuellen Gespür auf die Dauer nicht», sagt sie und ergänzt: «Die Zukunft des Pornofilms liegt wieder im Weglassen.»

«Freizügigkeit ist immer noch ein Thema, das für heisse Köpfe sorgen kann», sagte Rohrer in der «SonntagsZeitung». Doch das allein reiche nicht, den wegen nackter Haut würden die Leute nicht mehr in Aufruhr geraten. «Aber wenn Ulrich Seidl in ’Paradies: Liebe’ zeigt, was Europäerinnen in Kenia mit schwarzen Boys treiben und er das dazu noch nicht wertet, irritiert es schon und ist sehr radikal», so Rohrer.