Die Geschichte von Stefan Keller enthält alle Zutaten, woraus ein Schicksalsschlag gekocht wird: Tragödien und Zufälle, abgeschmeckt mit einer grossen Prise Glück. Einen Schicksalsschlag? Keller überlegt. «Schicksalsschlag würde ich das nicht nennen», sagt er. Das Schicksal habe ihn eingeholt, das lasse er gelten. «Aber ein Schlag?» Keller hinterfragt die Worte anderer, er selbst wählt sie mit Bedacht. Und so mag der 50-Jährige sich nicht geschlagen geben, geschlagen vom Schicksal.

Was am 26. Juni dieses Jahres passiert ist, weiss Stefan Keller noch genau. An jenem Tag will der Fluglehrer auf dem Montoz im Berner Jura die Bedingungen in der Luft checken, bevor seine Schüler losfliegen. Ein Schüler zückt sein Handy und filmt. Die verwackelten Bilder, die dabei entstehen, werden für Keller zum letzten Dokument seines «ersten Lebens», wie er sagt. Vorerst läuft alles nach Plan. Keller zieht den grünen Gleitschirm auf und lässt ihn ruhig über sich steigen. Ein letzter Kontrollblick, dann beschleunigt er und hebt ab. Der Gleitschirm steigt in einem kleinen thermischen Aufwind nach oben. Nach wenigen Flugsekunden ziehen sich die Geschicke dramatisch zusammen: Der Schirm wird von einer, so Keller, «äusserst aggressiven thermischen Turbulenz» erfasst, klappt nach unten und öffnet sich nicht wieder. Ein paar Sekunden früher, ein paar Sekunden später: Nichts wäre passiert. «Ein Lottosechser ist wahrscheinlicher», weiss Keller.

Sein Schicksalsfaden aber ist zäh. Wie in einer grossen Hechtrolle schleudert er durch die Luft. Er, der in der Szene als sicherheitsbewusster und umsichtiger Fluglehrer bekannt ist, stürzt aus 15 bis 20 Metern Höhe nach unten, knallt noch im Startgelände in die Wiese und bleibt bewusstlos liegen. Die Energie des Aufpralls verteilt sich auf seinen ganzen Körper, was ihm letztlich das Leben rettet. Keller wird mit dem Helikopter ins Berner Inselspital geflogen. Er hat ein Schädelhirntrauma, eine Oberarmfraktur, mehrfache Beckenfrakturen und gebrochene Lendenwirbel. «Die gebrochenen Rippen haben die Ärzte gar nicht mehr alle gezählt», scherzt Keller. Die Frakturen verheilen, eine Diagnose aber bricht sein Leben in zwei Teile: Paraplegie. Sein Rückenmark ist im Bereich des obersten Lendenwirbels verletzt. Der Mann mit dem sportlichen, definierten Körper weiss, was das bedeutet.

Das Hobby wird zum Beruf

Rückblende. 2004 zieht Stefan Keller, der im Zürcher Oberland aufgewachsen ist, mit seiner Lebensgefährtin nach Solothurn. Seine beiden Kinder sind längst erwachsen. Der gelernte Mechaniker arbeitet als Verkaufsingenieur, er handelt mit CNC-Werkzeugmaschinen. Ende 2006 gibt Keller seinen Job auf und macht sein Hobby zum Beruf: Er eröffnet eine eigene Gleitschirm-Schule. Zu den Schülern der Flugschule Solothurn, die sich heute in Langendorf befindet und «Fluso» heisst, gehört auch ein querschnittgelähmter Mann. Keller ist fasziniert von ihm, der im Rollstuhl fliegen lernen und der Freiheit auf die Spur kommen möchte. Zwischen den beiden Männern entsteht eine Freundschaft. Sie philosophieren über das Fliegen und das grosse Ganze. Schön sei das gewesen, erzählt Keller, unbeschwert und bereichernd. Ab und zu setzt er sich selbst in den Rollstuhl seines Schülers, er will ein Gefühl für «dieses Gefährt» bekommen.

Auch heute sitzt Keller im Rollstuhl – in seinem eigenen. Nach einem Monat in der «Insel» wird er ins Schweizer Paraplegiker-Zentrum nach Nottwil LU verlegt. Keller hat wache, neugierige Augen, als er den Besucher in einer ruhigen Ecke der gläsernen Empfangshalle begrüsst. Die Sonne glänzt auf seiner braun gebrannten Glatze. Ein kleiner Vogel, der sich nach drinnen verirrt hat, kreist um den Tisch. Keller schenkt dem Tier keine Beachtung, er ist ganz bei sich, nippt an seinem Kaffee und berichtet in zenartiger Ruhe.

Bekannte Paraplegiker wie Heinz Frei, der an den Paralympics 15 Goldmedaillen gewonnen hat, geben der Querschnittlähmung ein Gesicht. Dass Paraplegie aber mehr bedeutet, als auf den Rollstuhl angewiesen zu sein, weiss kaum jemand. So sind nicht nur die Beine gelähmt, sondern lebenswichtige Funktionen wie die Darmkontrolle oder die Blasenentleerung eingeschränkt. Sie müssen unter erschwerten Bedingungen wieder erlernt werden. «Du liegst da und machst dir in die Hosen wie ein kleines Kind», erinnert sich Stefan Keller an seine ersten Tage im Spital.

Seine Blase wird mehrmals täglich katheterisiert, mittlerweile übernimmt Keller das selbst. «Das Darm-Management habe ich im Griff, solange ich mich ausgewogen und regelmässig ernähre», erzählt er. Paraplegie ist grundsätzlich nicht heilbar, durchtrennte Nervenbahnen sind für immer defekt. Keller hat Glück. Seine Nerven sind nur gequetscht, eine Erholung ist zumindest teilweise möglich. Zwölf Wochen nach dem Unfall kann er wieder stehen und mit den Krücken einige Schritte gehen.

Bereits neun Mal operiert

Die Tage im Paraplegiker-Zentrum erinnern Stefan Keller an seine Schulzeit. Auf dem Stundenplan, den er in seiner ledernen Bauchtasche immer bei sich trägt, ist alles minutiös geplant. Von der Physiotherapie geht er zum Stehtraining, von diesem zur psychologischen Beratung, dann zur Berufsberatung und weiter zur Ergotherapie. Ein ganzes Team umsorgt ihn. «Da bin ich froh, wenn ich einmal eine Stunde für mich habe», schmunzelt Keller. In kleinen Schritten gewinnt er die Kontrolle über seinen Körper zurück, nach und nach rehabilitiert er sich für das «normale Leben». Als Paraplegiker verändert sich auch das Verhältnis zur Sexualität. «Ich kann offen über dieses Thema sprechen», sagt Keller, «aber vieles muss ich zuerst neu ausprobieren.» In solchen Momenten wähnt er sich in seiner «zweiten Pubertät».

Noch ist Stefan Keller auf den Rollstuhl angewiesen, noch hat er beim Gehen nach ein paar hundert Metern mit Erschöpfung zu kämpfen. Doch der Fluglehrer hat viele Pläne, auch Träume. Zu weit in die Zukunft mag er aber nicht denken. Klar ist: Keller möchte wieder fliegen, mit seinem Gleitschirm «dem Mittelland-Lärm entkommen». Obwohl es Menschen gibt, die diesen Wunsch nicht verstehen können. Man müsse doch etwas aus dem Unfall lernen, sagen sie. «Hätte ich einen Autounfall gehabt, würde ich ja auch wieder Auto fahren», meint Stefan Keller dazu.

Neun Mal wurde er bereits operiert. Auf die zehnte und vorläufig letzte Operation freut er sich. In dieser soll das Metallimplantat, das seine Lendenwirbel und das Becken derzeit zusammenhält, entfernt werden. Er will weiter kämpfen, das Paraplegiker-Zentrum Anfang nächstes Jahr verlassen. Stefan Kellers Geschichte kocht sich anders, als der erste Blick vermuten lässt: Man nehme eine Portion Optimismus, etwas «Ja zum Leben» und einen zünftigen Schuss innere Stärke.