Alt werden in Solothurn

Ein Priester, der nie in Pension geht

Das Bild täuscht – Anton Cadotsch hat sich noch keineswegs zur Ruhe gesetzt.

Das Bild täuscht – Anton Cadotsch hat sich noch keineswegs zur Ruhe gesetzt.

Anton Cadotsch ist auch jenseits der 90 Jahre noch viel auf Achse. «Ich könnte nicht zu Hause sitzen und warten, bis der Abend kommt», sagt er.

Weihbischof Anton Cadotsch ist ein positiv denkender Mensch mit grosser Ausstrahlung und einem Lächeln im Gesicht. Wer das Glück hat, ihm zu begegnen, fühlt sich bereichert und spürt, dass das Leben ein grosses Geschenk sein kann. Wo der 91-Jährige hingeht, findet er Freunde. Sei dies im kirchlichen Dienst, der für ihn immer noch Pflicht ist, in vielen Bruderschaften oder einfach auf der Strasse, wo es vorkommen kann, dass ein ehemaliger Schüler ihn anspricht und sagt: «Ich habe Ihren Religionsunterricht an der Kantonsschule besucht.»

Anton Cadotsch war an vorderster Front, wenn es um die Erneuerung der Kirche in der Schweiz ging, sei dies an der Synode 72 oder als Sekretär der Schweizer Bischofskonferenz. Sein Engagement für die Ökumene stiess auch in Solothurn stets auf offene Ohren. «Vielleicht ist es der Wengigeist, der hier immer noch wirkt», lobt er die Offenheit der Solothurner und der hiesigen Kirche, die mithalfen, ihm die wenigen Steine aus dem Weg zu räumen.

Am Morgen der Begegnung mit Anton Cadotsch hängen die Wolken dicht über der Stadt. Auf der grosszügigen Terrasse der gefälligen Wohnung in der Greiben lässt sich nur erahnen, wie wunderbar die Sicht auf den Berg, das Mittelland und die nahe Stadt bei klarem Wetter ist. An der Wand des Wohnzimmers hängen Bilder von Roman Candio, und auf dem Tisch liegt ein Smartphone, das sich der ehemalige Generalvikar des Bistums Basel und Seelsorger in verschiedenen Gemeinden erst kürzlich angeschafft hat. Im Nebenzimmer steht der Laptop. «Das ist für mich ein wichtiges Instrument, um Kontakte zu pflegen und auf Dokumente zuzugreifen, in die ich sonst keinen Einblick hätte.» Weiterbildung und Neugierde sind für ihn auch im hohen Alter wichtige Stützen.

Ein Freund der Berge

So gemütlich dieses Zuhause ist – Anton Cadotsch ist kein Stubenhocker. «Ich könnte nicht zu Hause sitzen und warten, bis der Abend kommt.» Wieder erscheint dieses breite, oft spitzbübische Lächeln auf seinem Gesicht. «Solothurn hat viel zu bieten», sagt er und zählt auf: «Ich bin ein Musikliebhaber, gehe gerne an Konzerte und ins Theater oder besuche hie und da auch einen Vortrag.» Manchmal sei er sogar froh, wenn er an einem Abend frei habe, witzelt er. In jungen Jahren lockten auch die Berge. Sogar Viertausender habe er bestiegen, «aber jetzt schaue ich sie mir nur noch von unten an». Kein Wunder, dass sich Anton Cadotsch auf die neue Bahn auf den Weissenstein freut. Ob er dann Wanderstöcke mitnehmen wird, ist fraglich, denn: «Ich war kürzlich wie schon öfters bei Freunden in den USA und habe vorsichtshalber Stöcke mitgenommen, weil ich ja nicht mehr 50 bin, aber es ging ganz gut ohne.»

Geistig und körperlich fit

Anton Cadotsch steht morgens um 6.30 Uhr auf. Dann wird gefrühstückt. Darauf folgt das Stundengebet, «das zum Leben eines Priesters gehört». Auch Radio- oder Musikhören und Zeitunglesen gehören zum morgendlichen Ritual. «Ich möchte über das Weltgeschehen informiert sein, das zwingt mich auch, geistig à jour zu bleiben.» Hie und da bereitet er auch eine Predigt vor, denn nach wie vor hilft er in Pfarreien aus, wenn er gebraucht wird oder geht zu den Spitalschwestern.

«Mittags koche ich oft selbst. Es gibt so wunderbare Schnellmenüs und einkaufen kann ich zu Fuss.» Nach dem Mittagsschlaf zieht es ihn wieder hinaus – in die Natur, der Aare oder Emme entlang. «Es gibt in der Umgebung von Solothurn so viele schöne Spazierwege.» Seit er ein GA besitzt, setzt er sich oft auch in den Zug und fährt zum Mittagessen an einen «schönen Ort». Auch Krankenbesuche oder das Erledigen der Korrespondenz gehören ins Nachmittagsprogramm. Ein besonderer Tag ist jeweils der Montag. «Dann gehe ich in die Bewegungstherapie. Das ist eine gute Hilfe, um beweglich zu bleiben.» Zwar sei dies anstrengend, aber ausserordentlich wertvoll.

Anton Cadotsch ist in Grenchen als Sohn eines Oberförsters aufgewachsen. Danach besuchte er die Mittelschule in Stans und studierte in Genf Philosophie und Philologie. Es folgten ein Studium am Priesterseminar Luzern und ein Studium in Theologie und Philosophie in Rom sowie das Doktorat am Institut Catholique in Paris. Von 1959 bis 1976 war er auch als Religionslehrer an der Kantonsschule Solothurn tätig. Seit 1958 wohnt er in Solothurn. «Hier fühle ich mich zu Hause», sagt Anton Cadotsch – und lächelt.

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