Die Präsentation lockte so viele Interessierte an, dass der Präsident des Architekturforums, Thomas Steinbeck, nicht genug Stühle beschaffen konnte: Erstmals bei einem Gespräch am Salvisbergtisch gab es Stehplätze. Alternierend referierten die drei Verfasser der Studie und begannen quasi mit der Stunde Null Solothurns. Die Castrumsmauer ums Jahr 300 begrenzte das römische Solothurn, das sich bis zum frühen Mittelalter ausdehnte, um beim Zeitglockenturm zu enden. Die Zähringer wollten die Stadt und das Stift St. Ursen innerhalb einer gemeinsamen Mauer vereinigen und erstmals die Vorstadt als Brückenkopf befestigen.

Mit dem Bau der Schanzenanlagen konnten weitere Gebiete in die Befestigungsmauern einbezogen werden. Erst mit dem Aufkommen von Industrie und neuer Verkehrswege eröffneten sich mit der schleichenden Beseitigung der Schanzen neue Perspektiven für die Ausdehnung der Stadt. Die Ingenieure Alfred Zschokke und Emil Bodenehr entwarfen Pläne für die Überbauungen westlich und südlich der Altstadt. Mit dem Bau des Bahnhofs (heute Solothurn West) wurde das Gebiet zwischen Bieltor und Bahnhof gemäss Zschokkes Plänen gestaltet. Als sich der Kanton und die Zentralbahn durchsetzten und den Bahnhof (Hauptbahnhof) auf dem rechten Aareufer bauten, wurde das Gebiet zwischen Kreuzackerbrücke und Hauptbahnhof nach Bodenehrs Vorgaben mit Blockrandbauten versehen. Obwohl verschiedene Architekten tätig waren, entstand ein einheitliches Bild.

Sündenfall Zersiedelung

So kam es, dass Solothurn bis in die 1930er-Jahre einen geschlossenen Eindruck machte. Zuerst kamen Bauten an den Ausfallstrassen hinzu und später folgte die von einem Gartenstadtkonzept ausgehende Errichtung der Weststadt. Die Referenten bemängeln, dass seit Zschokke und Bodenehr kein Masterplan für die Stadtentwicklung mehr ausgearbeitet worden ist. Ihre Nachfrage beim Stadtbauamt hat ergeben, dass es so etwas nicht gibt: Sie wurden aufgefordert, selber einen herzustellen. Ihre Visionen gehen davon aus, dass, wie in der Vergangenheit, der Ring um die Altstadt mit verdichteter Bauweise besetzt wird. Die Häuser in der Weststadt sollten zurückgebaut und die Grundstücke wieder zu unbebauter Fläche werden. Dann würde man wieder sehen, wo die Stadt endet und die Agglomeration beginnt. Daraus lässt sich schliessen, dass die Referenten dem Projekt Wasserstadt skeptisch gegenüberstehen.

Grosse Visionen für die Stadt

Die Ankunft in Solothurn, der schönsten Barockstadt der Schweiz, sei der Stadt nicht würdig. Die Reisenden werden in den engen Untergrund verbannt, kommen auf einen Platz, auf dem es vor Verkehr nur so wimmelt. Ein Blick zurück mache deutlich, dass das Bahnhofgebäude den Platz nicht trägt. Also müsste das Gebäude aufgestockt werden, vielleicht auch mit einer richtigen Bahnhofhalle. Statt der Unterführungen würde eine oberirdische Passerelle errichtet, wie beim SBB-Bahnhof Basel. Diese Passerelle könnte nach Süden verlängert werden, sodass die Bewohner des Quartiers südlich des Bahnhofs ebenfalls einen oberirdischen Weg in die Altstadt hätten. Als visionäres Schlussbild präsentierten Allemann, Hügi und De Angelis die Wengibrücke mit Tram, einem Bahnhof im Obach und dort auch die Schiffländte, wie bereits von Andreas Merian im 19. Jahrhundert geplant.

In einer rege geführten Diskussion wies alt Stadtpräsident Urs Scheidegger auf die politischen und gesellschaftlichen Zwänge hin. Ähnlich reagierte auch Stadtplaner Daniel Laubscher. Laubscher betonte auch, dass demnächst die Ortsplanrevision an die Hand genommen werden muss. «Masterpläne sind so gut, wie sie umgesetzt werden. Stadtplanung ist heute vor allem Verkehrsplanung.» In Vielem gehe er mit ihnen einig, aber der Verkehr und alles, was unter dem Boden ist, gehöre auch dazu.