Museum Blumenstein

Ein Hohelied im Museum Blumenstein auf die Solothurner Industrie

Podium im Museum Blumenstein zum Thema: Grossindustrie - Last oder Segen? v.l.: Lukas Stuber (COO Stahl Gerlafingen), Roberto Zanetti, Christoph Roelli (Moderation), Martin Blaser (GP Biberist)

Podium im Museum Blumenstein zum Thema: Grossindustrie - Last oder Segen? v.l.: Lukas Stuber (COO Stahl Gerlafingen), Roberto Zanetti, Christoph Roelli (Moderation), Martin Blaser (GP Biberist)

Gemeinde- und Industrievertreter diskutierten im Museum Blumenstein darüber, ob Industriebetriebe Last oder Segen für die Gemeinden sind. Dabei gaben die Exponenten emotionale Einblicke in die Erfahrungen mit grossen Industriebetrieben.

Wir sind Industrie. Diesen Eindruck vermittelten zumindest prominente Referenten am Abschlusspodium zur Austellung über die Solothurner Industriegeschichte im Museum Blumenstein. Martin Blaser, Gemeindepräsident von Biberist, Roberto Zanetti, ehemaliger Gemeindepräsident von Gerlafingen und Lukas Stuber, Chef der Stahl Gerlafingen AG, waren sich einig in der Frage, ob Industriebetriebe Last oder Segen für eine Gemeinde sind: «Die Industrie ist ganz klar ein Segen.» Die Teilnehmer an der Diskussionsveranstaltung waren nicht zufällig ausgewählt worden. In Gerlafingen dominiert das Stahlwerk, in Biberist bis vor kurzem die «Papieri», beides industrielle Kolosse.

Die an sich spannende Ausgangslage stiess kaum auf Interesse, obwohl gerade unsere Region stark geprägt ist von Produktionsunternehmen mit vielen Arbeitsplätzen. Möglicherweise lag es am lauschigen Sommerabend-Wetter. So ging die Veranstaltung vor nur knapp zwei Dutzend Zuhörerinnen und Zuhörer über die Bühne. Zwar wurden keine Breaking News verbreitet, aber die Exponenten gaben emotionale Einblicke in ihre Erfahrungen mit den Industriesauriern preis.

Loyalität mit der Fabrik

«Das geht nicht. Das ist unmöglich.» So habe er reagiert, als Sappi die mögliche Schliessung der Papierfabrik bekannt gab, erinnerte sich Martin Blaser, so als wäre es gestern gewesen. Die Belegschaft, die Gewerkschaften, die Gemeinde- und Kantonsbehörden sowie die Bevölkerung hätten alle Hebel in Bewegung gesetzt, um das Unvorstellbare zu verhindern. Die Loyalität zu einer Fabrik habe er in diesem Ausmass noch nie erlebt. «Mittlerweile wissen wir, es geht doch. Letztlich sind wir den Entscheiden aus fernen Konzernzentralen ausgeliefert.»

Roberto Zanetti nahm den Ball auf und blickte zurück auf seine Zeit als Gerlafingens Gemeindepräsident zwischen 1990 und 2000. Damals kämpfte er an vorderster Front für den Erhalt des Stahlwerkes. Mit Erfolg. «Der grosse Unterschied zu Sappi lag darin, dass die Entscheidungsträger ‹vor Ort› waren.» Zanetti ist überzeugt, dass Sappi als Besitzerin das Werk ebenso geschlossen hätte wie eben nun in Biberist. Lukas Stuber, seit 1985 in verschiedenen Funktionen im inzwischen zur italienischen Beltrame-Gruppe gehörenden Stahlwerk tätig, machte noch einen weiteren Unterschied aus. «Bei uns ging es um eine Lösung innerhalb der Schweizer Stahlindustrie. Sappi dagegen verfolgte eine europäische Lösung in der Papierindustrie.»

Dorf und Fabrik eng verzahnt

Biberist und Gerlafingen sind Gemeinden mit einer langen Industrietradition. Deshalb erstaune es nicht, dass die Bevölkerung den Fabriken nahestehe. Zanetti sprach von «einer engen Verzahnung zwischen Fabrik und Milizbehörden». So hätten sich selbst Kadermitarbeiter in Schul- oder Baukommission engagiert. Biberist sei, so Blaser ergänzend, vor allem dank der Industrie bevölkerungsmässig gewachsen. «Fast in jeder Familie war ein Mitglied in der ‹Papieri› tätig. Die Fabrik war eine Institution im Dorf.» Die Industrie sei für eine Gemeinde wie Biberist unverändert wichtig, weil sie Arbeitsplätze vor Ort schaffe. Für Zanetti ist die auch heute noch im Dorf spürbare Akzeptanz des riesigen Stahlwerkes mit all seinen «Nebenwirkungen» nicht selbstverständlich.

Für eine Industriepolitik

Stahlwerk-Chef Stuber will deshalb «die partnerschaftliche Zusammenarbeit» mit den beiden Standortgemeinden weiterführen. Dazu brauche es gegenseitiges Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Gleichzeitig müssten aber die Rahmenbedingungen stimmen, damit sich die Basisindustrie, ob jetzt Stahl oder Papier, im internationalen Wettbewerb behaupten könne. Nur mit Banken und anderen Dienstleistern könne die Schweiz nicht funktionieren. In diesem Sinne brauche es nicht nur eine Agrarpolitik oder eine Bankenpolitik, sondern auch eine Industriepolitik, folgerte Zanetti, dieses Mal als Ständerat. Konkret sprach er die hohen Stromkosten für energieintensive Betriebe an. «Die Ablehnung staatlicher Eingriffe aus ordnungspolitischen Gründen grenzt an Snobismus».

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