1964, im Todesjahr von Turo Pedretti, fand im Kunstmuseum Solothurn seine letzte Einzelausstellung statt, 1953 war er, wohl auf Vorschlag des Solothurner Sammlers Josef Müller, als Gast zur Weihnachtsausstellung eingeladen. Nun kehrt er mit einer fulminanten Überblicksausstellung zurück: Über hundert Werke schaffen eine Dichte und Konzentration, wie man sie das letzte Mal vor rund 30 Jahren gesehen hat.

Werke aus zahlreichen Schweizer Museen, der Bundeskunstsammlung, aus Privatbesitz und dem Nachlass sind in der Ausstellung versammelt, die in enger Zusammenarbeit mit dem Nachkommen von Turo Pedretti entstanden ist. Wer die Räume durchwandert, fühlt sich immer wieder an andere Künstler erinnert: an Cuno Amiet, Giovanni Giacometti, Edvard Munch, Ernst Ludwig Kirchner, Henri Matisse, hin und wieder auch an Max Gubler und Ferdinand Gehr, ja gar an Hans Emmenegger. Das ist überhaupt kein Nachteil und erleichtert den Zugang über die Erkenntnis der Gemeinsamkeiten und Differenzen.

Vom Motiv zur Farbe

Mit einigen der Erwähnten war Turo Pedretti bekannt, seine Familie und die Giacomettis waren eng befreundet, in anderen sah er Vorbilder, die grosse Munch-Ausstellung im Zürcher Kunsthaus von 1922 hat ihn bestimmt beeinflusst, und in der Landschaft mit dem Landwasser-Viadukt lässt sich gar eine Hommage an Ernst Ludwig Kirchner erkennen. Turo Pedretti ist dabei nicht stillgestanden, er hat im Wissen um die Entwicklung seiner Vorbilder neue Wege beschritten und dabei seine eigene Malerei weiterentwickelt.

Seine Stärke liegt im Umgang mit der Farbe und in der Dynamik seiner Malerei. Oft trug er ein Thema tagelang mit sich herum, um es schliesslich in wenigen Stunden und mit einem skizzenhaften Farbauftrag auf die Leinwand zu bannen. Man sieht es den Pinselstrichen regelrecht an, wie sie dynamisch auf die raue Oberfläche gesetzt wurden. Doch auch in der Verwendung der Farben erweist sich Turo Pedretti als avantgardistisch. Natürlich erinnert da vieles an die Farbsetzungen und kontrastreichen Kompositionen von Edvard Munch.

Doch vergessen wir nicht, dass zwischen den Landschaften um Ekeley in Norwegen und Samedans in den Bündner Bergen Übereinstimmungen bestehen. Sie bestehen nicht nur in langen Wintern, viel Schnee und dadurch einem sehr speziellen Licht, verwandt ist auch das Nebeneinander von engen Bergketten und weiten Talschaften, gleissenden Mondnächten und den Eigenarten des ländlichen Lebens.

Symbolische Farben

Darüber hinaus verwendet Turo Pedretti, ähnlich wie Edvard Munch, Farbe in symbolischen Konnotationen. Nicht zufällig ist der Hintergrund der «Trauernden (Irene)» dunkelrot – rot als Hintergrundfarbe kommt oft in Bildern mit Todesthemen vor –, und wenn sein letztes Bild aus Sestri Levante eine schwarze Frauengestalt und dahinter ein rotes Fenster zeigt, so ist darin die Beschäftigung mit der Endlichkeit zu sehen, so wie bei Munch die von Neid verzerrten Gesichter gelb sind.

Gerade sein Alterswerk weist auch Parallelen zum Alterswerk von Ferdinand Hodler auf. Man vergleiche die knappen Andeutungen mit dem Bild der toten Augustine Dupin in der Sammlung des Museums. Wie klar und stringent ist da die Komposition, und doch ist so viel Energie und Widerstand gegen die Endlichkeit zu spüren.

Melancholie als Inspiration

In den Gruppenbildern, Porträts und Landschaften zeigt sich Turo Pedrettis eigentliche Stärke, weil er in allen Gattungen immer Charaktere darstellt. In den Landschaften hat er gar eine eigene Gattung geschaffen, die in seinem Werk wiederholt vorkommt: die Nachtbilder. Schnee, Mond und Landschaften kombiniert er zu einer magischen Einheit, die teils unheimlich, teils unbekannt wirkt. In den Nachtbildern verändert sich die Welt ins Blaue: Das Weiss des Schnees wird farbig, die Schatten verschmelzen mit den Gegenständen, und die Konturen verblassen.

Die Nachtbilder sind aber auch Ausdruck von Gefühlen. Wer nachts aktiv ist und sich in die Landschaft begibt, mag vielleicht ein Melancholiker sein, hat dafür aber die Welt, die Natur und die Motive für sich allein und verschmelzt mit dem Kosmos. Die Ausstellung ist zwar chronologisch gehängt, doch Christoph Vögele gelingt es, Werkgruppen zu isolieren und Verbindungen zwischen den Räumen zu schaffen. Er erzeugt dadurch nicht nur eine unglaubliche Harmonie, sondern schafft durch Kontrapunkte Spannungen und Hindernisse, die zum Innehalten und zur Kontemplation verführen.

Turo Pedretti. Eine Retrospektive. Kunstmuseum Solothurn. Bis 25. Mai. Vernissage ist Samstagabend, 7.März, ab 17 Uhr.