Weihnachtsreise
Ein Christkindli aus Grenchen rettet den Solothurner Traditionsanlass

Dem 37 Tage alten Leandro aus Grenchen wird bald eine wichtige Rolle zuteil: Er übernimmt den Part des Christkinds in der Solothurner Weihnachtsgeschichte. Seine Mutter wird die Rolle der Maria übernehmen.

Deborah Onnis und Andreas Kaufmann
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Juliana und Ives Kohler mit Hauptdarsteller Leandro.

Juliana und Ives Kohler mit Hauptdarsteller Leandro.

Andreas Kaufmann

Friedlich schlummert Leandro mit zerzaustem Haar auf seinem Deckchen und ahnt nicht, welch grosser Auftritt ihm morgen Sonntag bevorsteht. Er wird der wichtigste und zugleich jüngste Protagonist der diesjährigen Solothurner Weihnachtsgeschichte sein, die die Altstadt-Besucher heuer zum zehnten Mal auf eine biblische Zeitreise schickt.

Vor genau 37 Tagen hat Leandro Kohler aus Grenchen das Licht der Welt erblickt, und schon «rettet» er als Jesuskind den Traditionsanlass. Denn: Bis Mittwochnachmittag war noch ungewiss, welches Baby am Sonntag im Heubettchen liegen würde: Nachdem das vorgesehene Kleinkind kurzfristig erkrankte, standen die Organisatoren nur wenige Tage vor dem grossen Spektakel ohne Christkind da.

«Ich wusste, dass es gut rauskommt»

Pfarrer Urs Dummermuth, der die Aufgabe hatte, ein Christkind für das Schauspiel zu finden, liess sich in der «Krisensituation» keinen Moment aus der Ruhe bringen: «Innerlich wusste ich, dass alles gut gehen würde.» So liess er sich wie die Heiligen Könige vom Stern am Himmel, von seiner Zuversicht leiten und machte sich über freischaffende Hebammen fleissig auf die Suche nach einem kleinen Jesus.

«Nachdem mir drei von vier Hebammen kein passendes Baby gefunden hatten, rechnete ich am selben Tag nicht mehr mit einer positiven Antwort», gesteht der siebenfache Grossvater. Und genau dann, als er nicht mehr damit rechnete, klingelte das Telefon und mit ihm die Hallelujaglocken. «Das Ereignis war eine wunderbare Fügung.»

«Ein Geschenk Gottes»

Und für die beiden Eltern Juliana und Ives Kohler ist es nichts weniger als das. «Wir haben lange auf das Familienglück gewartet», erinnert sich die Mutter und ergänzt freudvoll: «Und nun sind wir doch kurz vor Weihnachten so reich beschenkt worden mit Leandro.» Für die portugiesischstämmige junge Frau und ihren Ehemann ist das Familienglück ein Geschenk Gottes. Und ist es ein Geschenk, auf das die Familie nun mit einem Dankeschön antwortet.

«Maria» und «Jesus» werden bei der Weihnachtsgeschichte mitwirken, die morgen ab 14.30 Uhr in der Altstadt über die Bühne geht. «Wir fanden die Idee herzig», erinnert sich «Mutter Maria», sieht aber auch eine tiefere Bedeutung dahinter: «Gerade für Kinder sind solche Anlässe sehr wichtig; nämlich damit sie neben der üblichen Bescherung auch erfahren, warum die Menschen eigentlich Weihnachten feiern.»

«Stolz auf Leandros Rolle»

Papa Ives bedauert, dass er am Sonntag arbeiten muss und nicht selbst als «Josef» mitgehen kann. «Wenn es aber geht, komme ich gegen den Schluss noch als Zuschauer kurz vorbei», hofft er. Mit dabei sind aber die Eltern von Juliana Kohler: «Sie haben die Solothurner Weihnachtsgeschichte auch noch nie gesehen und sind natürlich ebenfalls mächtig stolz auf ihr erstes Enkelkind.» Dass die Mutter selbst in die Rolle der «Maria» schlüpfen sollte, kam für sie zunächst sehr überraschend.

«Auf jeden Fall war ich erleichtert, als man mir versicherte, dass ich nicht noch kurzfristig eine Sprechrolle einüben muss», meint sie schmunzelnd, während Leandro in ihrem Arm weiterträumt – friedvoll und ruhig wie seine biblische Vorlage. Genau diese Eigenart Leandros war auch einer Hebamme aufgefallen, die von Urs Dummermuth auf seiner Suche angefragt worden ist. Am Samstag nun wird die Mutter im Hinblick auf den grossen Anlass instruiert.

Könnte Grenchens Beitrag am Solothurner Traditionsanlass nicht auch den einen oder andere neckischen Spruch über die Städtebeziehungen provozieren? Urs Dummermuth verneint und sieht es als schönes Signal: «Dass wir ausgerechnet in Grenchen fündig wurden, betrachte ich als hoffnungstragende Botschaft. Ein wunderbares Zeichen, welches uns den Weg zur Versöhnung zeigt.»