Kommentar
Ein Begräbnis kommt selten allein

Unheimliches Timing: Es wird einiges, was die Stadt bewegt hat, gleichzeitig zu Grabe getragen.

Wolfgang Wagmann
Wolfgang Wagmann
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Coop bricht nach über zehn Jahren die Übung für ein neues Einkaufscenter an der Westumfahrung ab!

Coop bricht nach über zehn Jahren die Übung für ein neues Einkaufscenter an der Westumfahrung ab!

Das leise Summen einer SMS ist nicht gerade das, was man an einer Beerdigung braucht. Doch die Nachricht elektrisiert: Coop bricht nach über zehn Jahren die Übung für ein neues Einkaufscenter an der Westumfahrung ab! Vorne, im Chor von St. Ursen, ist die Trauerfeier für Markus Graf gerade mal eine Viertelstunde im Gang. Erinnert wird an seine Visionen für Solothurn, die er allesamt realisiert hat: Seminarmeile, Perron 1, «La Couronne». Allen Einsprechern zum Trotz. Ins Coop-Projekt ist er nie involviert gewesen.

Aber das Ganze passt zusammen: Es wird einiges, was die Stadt bewegt hat, gleichzeitig zu Grabe getragen. Da ein verdienstvoller Mensch, der noch einige grössere Pläne auch in Solothurn hätte verwirklichen wollen. Dort der erste Tatbeweis für die versprochenen «blühenden Landschaften» links und rechts der neuen Pulsader im Westen der Stadt – ein «gestorbenes» Projekt zu einer Entwicklung, die bis jetzt nur auf Plänen stattgefunden hat. Ein bisschen unheimlich, dieses Timing.

Abbruch einer weiteren Übung

Aber es sollte in diesem Stil weitergehen. Nur drei Tage nach dem Abschied vom Coop-Projekt der Nächste, der all seine Pläne beendet sieht: Nach jahrelangem, zähen Ringen für seine Vision eines Party-Tempels in Solothurn muss Event-Veranstalter Markus Moerler das Handtuch werfen. Er hat den Schnauf nicht mehr, um gegen eine ganze Phalanx von Beschwerdeführern finanziell noch jahrelang bestehen zu können. Und das müsste er, um sein Projekt eines Event-Lokals in der «Landi» noch durchzuboxen. Der Abbruch einer Übung, dessen Gelingen für Solothurn wohl nicht existenziell ist, aber den Eindruck verstärkt: Hier läuft nicht mehr viel. Und Tschüss!

Dicke Post aus Lausanne

Wir sind noch lange nicht fertig. Mitte letzter Woche erreichte uns ein Bundesgerichtsurteil: Die Stadt Solothurn kann die Anschlusspflicht ans Fernwärmenetz der Region Energie so nicht durchziehen. Ungenügend sei die Mitwirkung gewesen, zu rudimentär die Information der betroffenen Liegenschaftenbesitzer. Alles zurück auf Feld eins, befand Lausanne. Eine veritable Klatsche für die Regio Energie und die Stadt, die nun den Erschliessungsplan neu aufgleisen müssen. Fünf private Einsprecher haben das Kunststück zustande gebracht. Wobei der Grundsatzentscheid nicht gefallen ist, ob die Stadt überhaupt den Anschlusszwang verfügen darf. Genau das aber möchten die Einsprecher wissen. Eine nächste Runde ist bei der Auflage des Erschliessungsplans also vorprogrammiert.

Pikante Ergänzung: Vor drei Jahren orientierte die Regio Energie über ihr Projekt für ein neues Reservoir im Königshof oben. Noch 2015 sollte Baubeginn sein. Einsprachen. Bis heute wurde noch kein Meter Leitungsrohr verlegt, geschweige denn ein Baum gefällt – nur Sturm Burglind schaffte dies fürs Erste ...

Der Blick in die Weite

Die «Lahmlegungs-Offensive» einiger Anwohner zum Kapuzinerkloster ist vor diesem Hintergrund schon weiter weg – aber noch lange nicht Geschichte. Möglich, dass bis auf weiteres nicht einmal mehr das in den Klostermauern möglich ist, was bisher sein durfte. Der Kanton hat provoziert, die Nachbarschaft die Baupublikation quittiert: mit Einsprachen und gar einer Anzeige.

Einige good news sind deshalb in diesen Tagen höchst willkommen. Ausnahmsweise stammen sie vom Stadtbauamt. Der neue Garderobentrakt im Stadion kommt, das Projekt eines Doppelkindergartens im Brühl steht auch, und dann noch dies: Das Projekt Weitblick wird neu aktiv promotet. Online. Die Bauamt-Leiterin gibt ein längeres Interview, schöne Bilder, schöne Worte zuhauf. Wir freuen uns. Es geht doch noch was, im Stedtli Solothurn!

Lieber später als früher

Doch mit zunehmendem Konsum der salbungsvollen PR-Botschaft steigt die Neugier, endlich etwas Neues, Griffiges zu erfahren. Sie wird nicht befriedigt. Henzihof, Lusthäuschen? Mal schauen. Termine? Ab 2023 vielleicht die erste Etappe, dann schön langsam bis 2035. Aber nur, wenn es Solothurn nachhaltig etwas bringt. Schon dieser Begriff «nachhaltig»! Wie will man im Voraus beurteilen, ob etwas später «nach hallt»? Auch Markus Graf selig übte noch vor wenigen Monaten Kritik am Konstrukt Weitblick – er hätte die Wasserstadt attraktiver gefunden. Diese Stimme schweigt nun. Ypsomed-CEO Simon Michel nicht – in einem Interview in dieser Ausgabe spricht er Klartext, was er vom Vorgehen im «Weitblick» hält: nicht viel.

Ein juristisches Schlachtfeld

Dann gibt es einen spannenden Punkt im ganzen «Weitblick»-Geschwurbel: Die Dichte auf den 170 Hektaren soll erhöht werden. Eine Aufzonung, die erst mit der Ortsplanungsrevision geplant sei. Fachleute stutzen. Denn die höhere Dichte ist kein neues Thema. Man hätte sie schon länger haben können, auch ohne Ortsplanungsrevision. Aber da würde die Stadt gegen ihre eigenen Prinzipien verstossen. Wir blenden auf ein weiteres juristisches Schlachtfeld: den «Wohnpark Wildbach», ganz im Westen der Stadt. Dort sollte auch von zwei auf vier Geschosse aufgezont werden. Viele Anwohner wehrten sich. Die Stadt setzte den Entscheid bis zur Ortsplanungsrevision aus. Und wurde vom Kanton zurückgepfiffen. So lange dürfe man Investoren nicht warten lassen, die Stadt müsse materiell über die Einsprachen befinden. Tat dies aber nicht. Sondern zog den Entscheid weiter; es soll bis zur Ortsplanungsrevision zugewartet werden. Das war 2016 – seither herrscht Funkstille.

Also warten wir an allen Fronten auf die Ortsplanungsrevision. Die jedoch viele Minenfelder birgt. Wie die angedachte Festlegung einer «Nachtleben-Zone». Das perfekte Terrain für jeden Einsprecher – Markus Moerler und die «Landi» lassen grüssen.

Und dann ist da noch einer, ein besonders Hartnäckiger. Eine Einsprache gegen das räumliche Leitbild und damit die Ortsplanungsrevision ist von ihm bereits hängig. Der Mann ist stur, geht seinen vermeintlich richtigen Weg bis ans Ende. Juristisch hat er gegen Coop auf dem Kofmehl-Areal zwar verloren, doch der Grossverteiler mochte der erfolgreichen ersten keine zweite, lange Runde mehr anhängen. Ein Mann, der für die Begleichung seiner Verfahrenskosten in fünfstelliger Höhe sogar eine Betreibung in Kauf nimmt, ist gefährlich. Solothurn muss sich warm anziehen.