Solothurn
Ein Altar in Einzelteilen: «Ex situ»–Installation im Kunstraum St. Josef

Als nicht alltägliche Installation «Ex situ» kreuzt sich im Haus der Kunst St. Josef, Solothurn, das Zeitgenössische und das Historische dieses geschichtsträchtigen Ortes.

Eva Buhrfeind
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«Ex situ» liegt der St.-Josephs-Altar von 1740 in seiner ehemaligen Kirche.

«Ex situ» liegt der St.-Josephs-Altar von 1740 in seiner ehemaligen Kirche.

Thomas Ulrich

Da liegt er nun, in seine Einzelteile zerlegt und sorgfältig wie ein archaisches Schiff als Grundstruktur inszeniert: Ein Altar, der wie ein relikthaftes Kirchenschiff im Kirchenschiff – Bug voran, strahlenumkränzt – hinausdriften will. Ein Gast aus einer anderen Zeit und Raum und doch wie selbstverständlich im Spannungsfeld des modernen Kunstraumes.

Denn der Kunstraum St. Josef war als ehemalige Klosterkirche einst Teil einer zwischen 1648 und 1652 erbauten Klosteranlage. 1965 wurde die Anlage nach einer heftigen öffentlichen Debatte um Erhalt und Umnutzung zugunsten eines zeitgemässen Neubaus durch die Solothurner Architekten Werner Studer und Walter Stäuble abgebrochen. Die Kirche blieb erhalten, ihre liturgische Funktion wurde jedoch aufgehoben.

Erst nach jahrelangen Zwischennutzungen erhielt die ehemalige Kirche im Jahre 2002 eine neue Funktion als weltlicher Kunstraum. Und so, wie auch Altäre Installationen liturgischer und sakraler Situationen sind, so ist auch dieser einstige Hauptaltar von St. Josef nun wieder Mittelpunkt geworden. Entstanden ist ein zeitaktuelles und für Hausherr Reto Emch typisches Installationskonzept mit durchaus mehrdeutiger Wirkung: Ursprung und Gegenwart, Kunst und Kirche als Wechselbeziehung religiöser und profaner Architekturen, als sich ergänzendes, vielfältig bespielbares Geschehen.

Ist es Kunst oder Geschichte?

Gleich mit dem Eintreten in das Haus der Kunst wird man unmittelbar mit der Geschichte an der Schnittstelle zwischen moderner Kunst und Historie des Ortes St. Josef konfrontiert. Liegt doch der Hauptaltar der drei einst demontierten und ausgelagerten, raumhohen Retabelaltäre, 1740 in zeitgemässes Rokoko umgebaut, auf dem Kirchenschiff-Boden choreografiert zu einer räumlich-symbolischen wie anekdotischen Restauration einer Geschichte in vielen Puzzleteilen ausgebreitet. «Ex situ», was nichts anderes heisst als ausserhalb des ursprünglichen Ortes und seiner Funktion, wird hier zu einer durchaus assoziativen Rückkehr an eine ursprüngliche Schnittstelle von Erfahrung und Erwartung, Spiritualität und Spannung, Kulturerhaltung und künstlerischer Freiheit.

Ist es Kunst oder Geschichte? Wie spielt die Architektur in der Erinnerung? Wann und wie wirkt der Bedeutungswandel? Was ist noch Raum, was ist Objekt? Und welche Geschichte will uns das Altarbild mit der Hl. Elisabeth von Thüringen, mit dem ursprünglichen Kloster St. Josef im Hintergrund gemalt, erzählen, das eigentlich in ein Seitenaltar gehört und hier nun – an die Seitenwand des Altarraumes gelehnt – eine suggestive Wirkung besitzt?

Reto Emch und die Kunsthistorikerin Christine Zürcher von der Kantonalen Denkmalpflege Solothurn und Autorin des «Kunstdenkmälerinventars» haben mit «Ex situ, Altar, Holz, farbig gefasst, um 1740» aus einer fast gleichzeitigen Inspiration heraus eine eigenwillig wie gleichermassen schlüssige ortsspezifische Installation geschaffen. Sie bietet auch die Grundlage für zukünftige Pläne Emchs, moderne Kunst in historischen sakralen Räumen Solothurns zu zeigen, die sonst nicht öffentlich zugängig sind. Im Chorraum dann wird der Solothurner «bricoleur universel» Flo Kaufmann mit einer Klanginstallation diese Installation akustisch vertiefen.

Bis 22. April. Vernissage heute Samstag, 17 Uhr. Do–Fr 17–20 Uhr, Sa/So 13–17 Uhr. 15.3. 17.30 Stammtisch mit Max Doerfliger, 17.3. 17.30 Stadtrundgang zu ausgewählten Sakralbauten mit Christine Zürcher, 25.3. 12 Uhr, Sebastian Rotzler, Klangperformance (Eintritt frei, Kollekte), 5.4., Vortrag Kloster St. Josef von Christine Zürcher.

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