Solothurn Classics
Eigentlich sollte die Oper ursprünglich «Jago» heissen

Die Aufführung von Verdis «Otello» vom Freitagabend im Rahmen der Solothurn Classics war weitgehend packend. Leider fanden nur wenige in die Solothurner Reithalle.

Kurt Heckendorn
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Der unglückliche Otello (Mario Malagnini) und der teuflische Jago (Marzio Giossi).

Der unglückliche Otello (Mario Malagnini) und der teuflische Jago (Marzio Giossi).

Hanspeter Bärtschi

Hatte der über 70-jährige Verdi das Opernschreiben aufgegeben? Nahezu zehn Jahre waren seit dem Triumph der «Aida» vergangen, als der Komponist, angeregt durch seinen kongenialen Freund Arrigo Boito, zum dritten Mal nach einem Drama Shakespeares griff. Mit viel Geschick hat der Librettist die gewaltige Liebestragödie, in der Eifersucht, Leichtgläubigkeit, Heimtücke und unüberlegte Tat die Triebkräfte des Handelns sind, auf ihre Grundlinien zurückgeführt und dem Komponisten eine ideale Vorlage für das wohl erschütterndste Kunstwerk der Opernliteratur geliefert.

Spannung sondergleichen durchbebt den «Otello», vom ersten Donnerschlag des furios einsetzenden Orchesters bis zu den innigen Szenen Desdemonas, von der Süsse des Liebesduetts zum satanischen Credo Jagos über vielstimmige Chorsinfonien bis hin zum fatalen Ende mit seinem letzten Aufblühen des Kuss-Motivs.

Natürlich war es schade, dass die Aufführung nicht im stimmungsvollen Ambiente auf der «Schanz» stattfinden konnte, aber auch in der – leider nur sehr mässig besetzten – Reithalle war eine weitgehend packende Aufführung des Meisterwerks – bei der Solisten wie Chor und Orchester der Staatsoper Russe Bulgarien von David Crescenzi sicher durch die anspruchsvolle Partitur geführt wurden – zu erleben. Vor allem der Chor gefiel schon in den ersten Szenen durch klangprächtiges, präzises Singen. Schade, dass ausgerechnet ihm (unnötigerweise) einige Stellen gestrichen worden waren.

Facetten der teuflischen Gestalt

Verständlich wurde an diesem Abend auch, warum Verdi seine Oper ursprünglich «Jago» nennen wollte. Marzio Giossi, im Spiel von diabolischer Ausstrahlung und stimmlich von unglaublicher Präsenz und mit fabelhafter Diktion, blieb dem Jago nichts schuldig. Überlegen meisterte er all die Facetten dieser teuflischen Gestalt: Eindrücklich sein ins Masslose gesteigertes Credo, faszinierend die Traumerzählung, in der er das «Gift der Eifersucht» mit Pianissimo-Tönen in Otellos Seele fliessen liess, mit agilem Parlando in der Taschentuchszene oder mächtig auftrumpfend im Racheschwur mit Otello. Ihm ebenbürtig die Desdemona von Michèle Crider, glaubhaft im diskreten Spiel und berührend mit ihrer leuchtenden Wunderstimme. So wurde dank ihr der vierte Akt mit dem schlichten «Lied vom Weidenbaum», mit engelhaften Tönen im «Ave Maria» und einem zu Herzen gehenden grossen Ausbruch beim letzten Abschied von Emilia zum Höhepunkt des Abends.

Nicht ganz mithalten konnte da Mario Malagnini in der Titelrolle. Seltsam blass, stimmlich – mit seiner hellen Tenorstimme, der das elementare Pathos fehlt, wohl nicht gerade die Idealbesetzung – wie im Spiel mit seinen abgestandenen Opern-Gesten nur wenig überzeugend.

Durchaus entsprechend besetzt waren hingegen all die kleineren Rollen: Emilia (Petya Tsoneva) mit wunderschön timbrierter Mezzo-Stimme und bewegend in ihrer Anteilnahme; Cassio (Orlin Goranov) etwas steif im Spiel, aber mit angenehmer Tenorstimme, oder Lodovico, der venezianische Gesandte (Ivaylo Dzhurov), der mit prächtigen Basstönen aufwartete.