Solothurn

Ehemalige Heim- und Verdingkindern in Solothurn: Ein Treffen mit der Stadt und Erinnerungen

Claudia Sollberger (im roten Kleid) moderiert die Gespräche. Urs Allemann (rechts von Sollberger) gründete das Erzählbistro.

Claudia Sollberger (im roten Kleid) moderiert die Gespräche. Urs Allemann (rechts von Sollberger) gründete das Erzählbistro.

Solothurn wurde zum Begegnungsort für Betroffene von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen. Ein Augenschein.

Eine Traube von Menschen steht am Fuss der Kathedrale um die Stadtführerin Claudia Sollberger. Eine Szene, wie sie fast tagtäglich zu beobachten ist. Doch die Besucherinnen und Besucher treffen sich nicht nur wegen der Barockstadt, sondern auch, weil sie etwas gemeinsam haben: Sie sind alle Betroffene von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen. Organisiert wurde diese Stadtführung vom «Erzählbistro», einer Organisation, die Begegnungen von ehemaligen Heim- und Verdingkindern und anderen Betroffenen ermöglichen will (siehe Box unten).

«Eigentlich will ich gar nicht über mein Erlebtes sprechen, aber so eine Führung in Solothurn finde ich schön», erklärt eine Frau aus Winterthur. Das Konzept Solothurn zu entdecken und dabei noch andere Betroffene kennen zu lernen, hat sie überzeugt.

Das Erzählbistro soll ein Ort sein, wo Leute sich treffen und Erinnerungen austauschen können.

Das Erzählbistro soll ein Ort sein, wo Leute sich treffen und Erinnerungen austauschen können.

Über drei Tage führt Sollberger insgesamt 76 Menschen durch Solothurn. «Manche kommen aus St.Gallen bis nach Solothurn», sagt der Gründer des Erzählbistros, Urs Allemann. Der Solothurner wurde als Kind auch fremdplatziert, und seit seinem Ruhestand setzt er sich für Betroffene ein.

Gespräche unter Kastanienbäumen

Die Stadtführung endet beim Palais Besenval. Im Garten des Palasts sind Stühle im Kreis aufgestellt, die Kastanien spenden kühlen Schatten, ihre Blätter rascheln. Jetzt kommt es zum eigentlichen Grund des Treffens: Die Anwesenden können sich austauschen. Sollberger erklärt, worauf während dieser Erzählrunde geachtet wird: Das Erzählte verlässt nicht diese Runde, und das Gesagte wird nicht gewertet. Sie moderiert diese Art Gespräche, seit es das Erzählbistro gibt. Ihr Ziel ist es, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Beteiligten wohlfühlen und ihre Erinnerungen mit den Anwesenden teilen wollen.

«Für mich war es nicht einfach, nach Solothurn zu kommen, denn ich war hier in einem Kinderheim und habe keine guten Erinnerungen an diese Zeit», erzählt ein Anwesender. Dank dieser Führung habe er jetzt aber auch gute Erinnerungen an die Stadt. Eine andere Person erklärt, dass sie gute Erinnerungen an die Zeit in einem Heim in der Innerschweiz habe.

So hört man während der nächsten 30 Minuten persönliche Geschichten aus der Kindheit der Anwesenden. Einige erzählen von Missbrauch, von fehlender Zärtlichkeit und elterlicher Liebe, andere von Freundschaft und schönen Erlebnissen. Nach dem Gespräch geht die Gruppe für ein z’Vieri in die Couronne.

Der Organisator ist selber auch Betroffener

Urs Allemann war als Kind und Jugendlicher auch in verschiedenen Familien untergebracht und hat ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Er sei meistens korrekt behandelt worden. «Ich bin dem Kanton Solothurn auch dankbar», sagt er. Denn dieser bezahlte ihm die Bildung. Er konnte ein Studium der Rechtswissenschaften abschliessen.

Das Erzählbistro sieht sich als Selbsthilfeprojekt für die Betroffenen. Aber auch Anlässe wie dieser sind wichtig: So haben einige zum ersten Mal Solothurn besucht und konnten so nicht nur neue Menschen, sondern auch eine neue Stadt kennen lernen.

Autorin

Judith Frei

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