Graue Novembertage entfalten in der Einsiedelei eine besondere Wirkung. Die Schlucht wirkt höher, bedrohlicher, die Klause unter der Martinsfluh noch kleiner. Doch davor herrscht fröhliche Ausgelassenheit. Der junge Harlekin-Pudel Timmy – noch eine halbe Portion von 2,5 Kilo – geniesst den Auslauf auf dem Mätteli hinter dem Verenabach. Schwester Benedikta freut sich über den drolligen Pudel. «Früher hatte ich Sennenhunde.» Jetzt hilft ihr «Timmy» in der Klause hinten, das Leben einer Einsiedlerin zu führen, die kaum je allein ist. Und manchmal auch seltsame Besuche bekommt, die keine guten Gefühle hinterlassen.

So wie letzten Sommer, nicht lange nach ihrem Amtsantritt. «Nein, da stimmte etwas nicht.» Schwester Benedikta schnippt mit zwei Fingern. Genauer mag sie die Leute nicht beschreiben, jung seien sie nicht gewesen. Aber sie war plötzlich sehr besorgt. Und vertraute sich Stadtpfarrer Niklas Raggenbass an. «Er riet mir, vorläufig nicht mehr hier hinten zu übernachten.» Und so gab sie die Klause nachts auf, dislozierte zuerst ins Kloster Nominis Jesu, dann bot ihr Raggenbass eine Bleibe im Pfarrhaus St. Ursen an, bis sie im Seraphischen Liebeswerk unterkam. «Aber seit einigen Wochen bin ich wieder hier.»

Hier das Video von TeleM1:

Satanisten belästigen Schwester in der Verenaschlucht

Satanisten belästigen Schwester in der Verenaschlucht

Die Schwester lacht, wirkt keineswegs mehr besorgt. «Die Einsiedelei ist ein Kraftort, der allerhand Leute anzieht. Ich führe mit vielen Gespräche, manchmal werden auch besondere Themen angeschnitten.» Sie nennt keine Details, aber offenbar gibts auch Gespräche der eher unheimlichen Art. «Ich bete für alle Menschen, auch solche», meint Schwester Benedikta, die darin einen Akt der Barmherzigkeit sieht.

Drohung mit St.-Ursen-Brand

Pfarrer Niklas Raggenbass wird da schon konkreter. «Die Kapelle würden sie verschonen. Aber die Klause... – bei der St.-Ursen-Kathedrale sei es ihnen auch gelungen.» So etwa habe die Botschaft der Männergruppe an Schwester Benedikta im Sommer gelautet, und für den Stadtpfarrer ist klar, was damit gemeint war: Die Brandstiftung am 4. Januar 2011 durch den geistig verwirrten Täter aus Olten – er hatte mit dem Anzünden von Benzin im Chorraum die Bischofskirche für mehr als eineinhalb Jahre lahmgelegt.

Feuer sei für Leute, die sich intensiver mit dem Teufel oder Luzifer befassen, eine erstrebenswerte, reinigende Kraft. «Sie suchen das Licht», deutet Raggenbass den Zusammenhang mit der Drohung in der Einsiedelei.

Satanisten also, die ihren unheimlichen Kult am Kraftort Einsiedelei ausleben, oder zumindest testen wollen? Der Stadtpfarrer zögert. «Satanisten als solche sind mir noch nicht begegnet», relativiert er deren Existenz in der Region Solothurn. «Viele Menschen sind psychisch schwach», und es gebe einige unter ihnen, die sich intensiv mit Sünden und dem Teufel befassen. «Für sie ist das Heilige und das Reine unberührbar. Aber ihr Licht zieht sie an wie die Motten», erklärt Niklas Raggenbass «ein Milieu, das sich sucht.»

Als Schwester Benedikta sich an ihn gewandt habe, gab es für ihn nur einen Entscheid: Vorläufig die Klause nachts zu meiden. Zumal weitere beunruhigende Zeichen auftauchten wie Kot und tote Mäuse, die sich vor der Klause fanden. Irgendwie sei die Schwester zuerst auch bei der Bürgergemeinde «nicht richtig ernst genommen worden», glaubt der Stadtpfarrer, der nun der Einsiedlerin empfohlen hatte, die Polizei aufzusuchen. Die hatte zwar signalisiert, solange nichts passiere, könne sie auch nichts machen, «aber nach einem persönlichen Treffen mit der Polizei war sie schon beruhigter».

Es gibt Alarmanlagen

Nun, inzwischen ist man beim «weltlichen Arbeitgeber» der Schwester, der Bürgergemeinde Solothurn, für ihre Sorgen und Nöte so weit sensibilisiert, dass Bürgergemeindepräsident Sergio Winiger an der Budgetsitzung vom Montagabend den Bürgerrat über die Vorkommnisse orientierte und entsprechende Massnahmen ankündigte. «Die Schwester fühlte sich nicht mehr sicher. Deshalb werden wir Alarmanlagen an der Klause sowie beiden Kapellen montieren.» Diese bestünden aus Rauch- und Glasbruchmeldern und sollen künftig möglichst die Einbruchs- wie Feuergefahr reduzieren.

Die Installation der Alarmanlagen kommt Schwester Benedikta sehr entgegen. Denn «ich hatte auch schon nachts das Gefühl, da sei jemand in der Verenakapelle». Jedenfalls wolle sie alles tun, um ihrer Aufgabe nachzukommen – obwohl die Einsiedelei auch für sie nicht mehr dieselbe wie noch vor 20 oder 30 Jahren sei.