Sie schrie. «Was kann ich denn dafür?» Am Klosterplatz stand eine hagere ältere Dame und drückte Müll in den vollgestopften silbernen Abfallbehälter. «Das kann ich nicht glauben», schrie ihr entgeistert ein junger Mann zu. Sie solle doch gefälligst ihren Müll zuhause entsorgen. «Ich werfe nur das der anderen weg», entgegnete sie widerborstig. Beide fluchten.

Wenn sich einer um den Dreck anderer Leute kümmert, dann wissen wir, dass wir in einer Kleinstadt leben. Niemand interessierte sich dafür, dass vor meiner Berliner Wohnung eine ausgebrannte Mülltonne wochenlang stehen blieb. Schon gar nicht die Müllabfuhr. In Solothurn? Nichts ist in dieser zuverlässigen Stadt so zuverlässig wie der Werkhof. Konfettischwemmen sind in Kürze weg, nach dem Märetfest erlebt auch die letzte Scherbe den nächsten Morgen nicht mehr. Nur eines bleibt: Mein Kompostchübeli.

Tage hat es, sträflich vernachlässigt und vergessen (ich gestehe), schon alleine beim Grünabfall-Sammelpunkt Muttiturm ausgeharrt, wo es mittwochs geleert wird.(Altstadtbewohner können ihren Grünabfall nicht einfach vor die Türe stellen, sie tragens sie vor die Mauern). Die heimliche Hoffnung, es verschwände und ich müsste nicht mehr mit ihm durch die Stadt laufen, hat sich noch nie erfüllt. Man kann das kleinstädtische Leben also auch mit dem Kompostchübeli-Koeffizienten messen. Je länger es stehen bleibt, umso ruhiger und ordentlicher die Stadt. «Meh Dräck» ist in Solothurn (wie bei arrivierten Altrockern in privilegierter Lebenslage) höchstens Fassade. Wer das Verruchte sucht, kann hier vielleicht ein Restaurant mit herber Bedienung finden – oder Touristen, die ihren Müll im Hotelzimmer zurücklassen.

Dreckig aber erging es einem Solothurner Fussballfan von der «Flieg Doch nicht nach Portugal»-Partei. Gemeinsam mit 200 anderen liess ihn die portugiesische Fluggesellschaft am Dienstag in Genf grounden. Doch keine schmutzige Wäsche, keine Drecksgeschichten hier. Jetzt endet für die Altstadtbewohner eh die Zeit, in der sie mehr Einblicke in die Lebensgeschichten anderer kriegten als ihnen lieb ist. Das Fenster auf die Gasse bleibt wegen der Kälte zu. Ehekrach und quengelnde Kinder ohne Glace dringen nicht mehr in unser Wohnzimmer.
P.S. Tage später sah ich die Frau wieder. Am Kronenstutz las sie ein leeres, liegengelassenes Bierfläschli zusammen. Es war nicht ihres.