Konzertsaal Solothurn
«Dornröschen» des russisches Nationalballetts fehlte es an Poesie

«Dornröschen» zählt zum mündlich überlieferten europäischen Kulturgut. Das Corps de Ballett aus Russland gestaltete die dazu geschriebene Musik von Tschaikowsky zwar technisch perfekt - aber wenig herzerwärmend.

Gundi Klemm
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 Das Corps de Ballett aus Russland im Konzertsaal
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 Das Corps de Ballett aus Russland gestaltete die dazu geschriebene Musik von Tschaikowsky in Einzel- und Gruppenauftritten technisch perfekt
 ...aber wenig herzerwärmend.
 Die Bekleidung der Mitwirkenden wirkte bezaubernd, farbenfroh und sehr effektreich
Russisches Nationalballett in Solothurn zu Besuch
 Einlage der Ballettschule Barbara Bernard

Das Corps de Ballett aus Russland im Konzertsaal

Hans Ulrich Mülchi

Jeder im Publikum im gut besetzten Konzertsaal hatte eine gewisse Vorstellung, wie das von den Brüdern Grimm aufgeschriebene Märchen um Dornröschen verläuft, das sich an einer Spindel sticht und in einen hundertjährigen Schlaf versinkt. Der 1888/89 von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky geschriebenen Ballettmusik liegt die Fassung des französischen Schriftstellers und Märchensammlers Charles Perrault zugrunde. Hier heisst Dornröschen «Aurora», der sie mit einem Kuss erweckende Prinz «Desiré» und die böse Fee «Carabosse».

All das aber blieb dem Solothurner Publikum verborgen, weil die Ballettleitung auf die wichtige Märchenerzählerin verzichtet hatte, die normalerweise das Geschehen auf der Bühne in poetische Worte einbettet. Die vielen kontrastierenden Gegenüberstellungen von Gut und Böse, welche die Musik dem Bühnengeschehen vorgibt, konnte der Zuschauende deshalb nur erahnen. Rein tanztechnisch war der Auftritt aller Tänzerinnen und Tänzer durchaus perfekt, die Bekleidung der Mitwirkenden wirkte bezaubernd, farbenfroh und sehr effektreich. Aber ohne verbindende Texte blieben die fantasievoll gestalteten Solo- und Formationsdarbietungen wenig verständlich und kaum herzerwärmend.

Betörende Gäste

Natürlich freute sich das Publikum an dem von Anastasia Abramova und Anna Seregina getanzten, lieblichen Dornröschen und dem kraftvollen jungen Prinzen (Filipp Parkhachev, Poliakov), und war beglückt von der guten Fliederfee, die schreckliche Verwünschungen milderte. Denn Carabosse, getanzt von Andrey Subbottin, hatte aus Wut über die fehlende Einladung bei Hofe anlässlich der Geburt der Prinzessin ihr den Tod durch den Stich an einer Spindel vorausgesagt. Darstellerisch fehlte leider, wie der gesamte Palast von König Florestan danach in todesähnliche Ruhe verfällt.

Die Handlung im zweiten Akt konnten sich nur diejenigen Zuschauer zusammenreimen, die zuvor die Inhaltsangabe der Aufführung gelesen hatten. Seine Träume von der Fliederfee und begleitenden Zauberwesen zeigen einem abenteuerlustigen Prinzen, dass die böse Fee „Carabosse“ samt ihren Lumpenkumpanen ihn am Zugang zum schlafenden Reich hindern will.

Ihm gelingt es jedoch, den Bann zu brechen und Prinzessin und Hofstaat aufzuwecken. Die Hochzeit wird in anmutigen Choreografien gefeiert, und als charaktervolle, tänzerisch betörende Tanzpaare treten Gäste auf wie Rotkäppchen und der Wolf, der gestiefelte Kater mit seinem Kätzchen und der Blaue Vogel und Florina.

Mit Lebendigkeit erfüllt

Für Stimmung und Beifall auf offener Bühne sorgten der artistisch-brilliante Auftritt eines jungen Tänzers, der einen Kosacken darstellte, und die mehrfache so ungekünstelte Beteiligung kindlicher und jugendlicher Elevinnen und Eleven aus der Ballettschule Barbara Bernard. Mit einem Gounod-Walzer huldigten die älteren Mädchen dem Königspaar, und die jüngeren Kinder waren in etlichen Szenen farbenfroh und lebendig-dekorativ präsent.

Dass die Musik etwas zu laut nur ab Konserve eingespielt wurde, traf angesichts der Höhe der Eintrittspreise nicht unbedingt den Geschmack des Publikums. Enttäuscht von der Darbietung waren dann schliesslich aber nur Ballettkenner, die derartige Veranstaltungen auf den Bühnen von Metropolen gesehen haben. Für den begeistert zuschauenden Ballett-Nachwuchs, der Sprünge und Schrittkombinationen der Profis auf der Bühne mit den Augen regelrecht „verschlang“, war das Gastspiel eines der Corps des Russischen Nationalballets nach eigener Aussage «megatoll».