Theater

Direktor Theater Solothurn: «Es war aufregender als in Nürnberg»

Beat Wyrsch «nimmt den Hut»

Beat Wyrsch «nimmt den Hut»

Nach sechs Jahren zieht der Direktor Beat Wyrsch Bilanz über seine Arbeit. Er erlebte die Zeit als Leiter des Theaters Biel Solothurn als viel aufregender als seine Zeit in der Freien Szene in Nürnberg.

Beat Wyrsch, wie waren die vergangenen sechs Jahre in Biel und Solothurn?
Beat Wyrsch: Es war sehr gut. Es war auch persönlich gut. Und es war speziell wegen der besonderen Bühnenverhältnisse, wegen der Zweisprachigkeit, den zwei unterschiedlichen Kulturen und Denkweisen.

Tatsächlich? Sind Biel und Solothurn wirklich so unterschiedlich?
Ja. Zum Vergleich: Solothurn ist bürgerlich im besten Sinn. Man geht hier sehr sorgfältig mit der Kultur um, wird als Künstler und Kulturvermittler wahrgenommen bis in die oberste Politik. In Biel geht es im Bereich Kultur anarchistischer zu und her. Man wird als Kulturschaffender nicht so behütet. Wichtig ist mir festzuhalten: Beide Arten haben angenehme und unangenehme Seiten.

Da ist es doch erstaunlich, dass die Theaterkooperation zwischen Biel und Solothurn immer noch funktioniert?
Es gibt halt einen Geist, einen Spirit. Dieser macht das Theater noch immer sehr aktiv und innovativ. In beiden Städten glaubt man ans Theater und findet, trotz Widerständen, immer wieder einen Weg. Es ist eigentlich etwas Unglaubliches, diese Theaterorganisation so betreiben zu können. Schliesslich sind fünf verschiedene Geldgeber daran beteiligt. Doch jeder ist sich bewusst, dass es auf ihn ankommt. Dass die ganze Sache ins Wanken kommt, wenn einer aussteigen würde.

Wie war das damals 2007, als Sie von Münster in die Schweiz zurückkamen?
Es gab viele Gespräche bis zur Wahl und der Anfang war auch nicht ganz einfach. Im Schauspielensemble gab es einen grossen Wechsel. Als gebürtiger Innerschweizer war es ein Heimkommen mit Überraschungen und Verwunderungen. Ich hatte das Theaterhandwerk grösstenteils in Deutschland erlernt und von daher gab es Unterschiede. Kulturpolitisch ist in Deutschland alles ganz klar geregelt. Wer gibt wem wie viel an Zuschüssen und so weiter. In der Schweiz entscheiden Volksabstimmungen über Budgets, Leistungsvereinbarungen, Umbauten und so weiter. Deutschland wundert man sich, wenn ich davon berichte.

Konnten Sie Ihre Ziele erreichen? Oder anders gefragt: Worauf sind Sie im Rückblick stolz?
Wichtig war mir immer das Ensemble - im Schauspiel und im Musiktheater. Dadurch, dass die baulichen und finanziellen Möglichkeiten in Biel und in Solothurn sehr begrenzt sind, musste man versuchen, Nischen zu finden. Ich kannte das vom Pocket Opera-Projekt in Nürnberg her. Zu unserer Freude sind diese «Nischenopern» beim Publikum sehr gut angekommen. Das hätte in Deutschland oder an einem grösseren Haus sicher nicht funktioniert. Eine vermeintliche Schwäche münzt man also zur Stärke um. Im Schauspiel vertraten wir die Philosophie, neuere Schweizer Autoren auf die Bühne zu bringen. Auch das ist beim Publikum gut angekommen, die steigenden Zuschauerzahlen belegen das. Mir war immer wichtig, ein Programm fürs Publikum zu machen. Das ist mir zusammen mit Schauspielchefin Katharina Rupp gelungen. Ich bin der Meinung, dass sich Theater gesellschaftspolitisch einmischen soll. Das funktioniert aber nur, mit einem Programm, das beim Publikum ankommt. Das hat nichts mit anbiedern zu tun - im Gegenteil. Das Publikum kommt ins Theater, wenn ihm positive Erlebnisse geboten werden und es gleichzeitig herausgefordert ist.

Und die Highlights unter Ihrer Führung?
Die positive Abstimmung zum Umbau des Stadttheater Solothurn war sicher ein Highlight. Doch es gibt noch eine Reihe anderer schöner Erinnerungen, bei den vielen Aufführungen in den zwei Städten, aber auch auf den Tourneen. Gefreut haben mich persönlich die unerwarteten Erfolge von Lortzings «Zar und Zimmermann» oder von Lullys «Amadis». Stolz machten mich auch die Auszeichnungen, welche wir mit verschiedenen Produktionen einheimsen konnten. Den Arte-Zuschauerpreis für «Antigona» oder Theaterpreise in Wien mit dem Jungen Theater Solothurn und bei der «Nachtkritik». Aber auch die vielen Preise im In- und Ausland, die Stephan Bundi mit unseren Theaterplakaten gewonnen hat.

Welche Themen haben Sie als Direktor insbesondere gefordert?
Ich erinnere mich gut an die erste Sitzung hier in Solothurn. Es war eine Bau-Sitzung. Man sagte mir damals, ich müsse bei der Programmgestaltung schon sehr bald den Beginn des Umbaus einkalkulieren. Das hat dann doch länger gedauert! Völlig überraschend war der Fund der alten, noch vorhandenen Barockmalerei im Theater Solothurn. Solche Dinge sorgen natürlich - neben allem anderen - für grosse Unruhe. Rückblickend kann ich sagen: die Leitung des Theaters Biel Solothurn war viel aufregender als die Zeit in der Freien Szene in Nürnberg. Als Direktor ist man hier viel mehr eingebunden, muss viel mehr Entscheide treffen oder Probleme als Direkt-Verantwortlicher lösen.

Soll sich das Theater Solothurn ihrer Meinung nach in der Schweizer Theaterszene künftig als Barock-Theater profilieren?
Nicht unbedingt. Aber aus dem Barock oder der Frühklassik gibt es noch Vieles zu entdecken. Diese Nische soll auf jeden Fall weiter gepflegt werden. Nicht vergessen darf man, dass das Theater Biel Solothurn weiter ein «Sprungbrett-Theater» bleiben soll. In der Schweiz werden viele Leute im Schauspiel und im Musiktheater ausgebildet. Sie alle haben aber nur wenige Möglichkeiten während und nach der Ausbildung, in tragenden Rollen aufzutreten. In dieser Hinsicht ist unser Haus weitherum anerkannt und geschätzt. Viele namhafte Regisseure konnten wir damit auch nach Solothurn/Biel holen.

Was hat sich ihrer Ansicht nach im Theaterbetrieb in den letzten Jahren am meisten verändert?
Die Themen Kulturvermittlung und Theaterpädagogik werden immer wichtiger und auch als solches anerkannt - jedenfalls in Solothurn. In Biel ist man da von behördlicher Seite noch nicht so weit. Theaterarbeit kann bei der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen hilfreich und wertvoll sein. Theater muss meiner Ansicht nach in der Jugendpolitik auch eine führende Rolle einnehmen. Das Junge Theater Solothurn, welches wir ziemlich ausgebaut haben, beweist das. Dazu braucht es aber Fachleute. Theaterpädagogen, welche die Jungen anleiten. Und: Junges Theater bringt junges Publikum ins Theater.

Bei Ihnen persönlich? Wie geht es weiter? Haben Sie neue Projekte?
Es gibt sicher wieder Neues, doch ich spreche noch nicht davon. Zudem versuche ich momentan, alles Neue etwas von mir fernzuhalten. Nach meinem Abschied in Biel und Solothurn werde ich in den Jura ziehen. Ich gehe eine Weile zum Auftanken in die Natur, um neue Blickwinkel zu bekommen.

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