Festivalkatalog
Digitalisierung hinterlässt Spuren: Filmtage-Bibel wird es 2020 nicht mehr geben

Den Festivalkatalog zu den Solothurner Filmtage wird es 2020 nicht mehr geben: Die Digitalisierung hinterlässt ihre Spuren.

Andreas Kaufmann
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Heinz Urben betreute die Katalogproduktion über 40 Jahre lang.

Heinz Urben betreute die Katalogproduktion über 40 Jahre lang.

Andreas Kaufmann

Seit Anbeginn der Filmtage gehörte es für die eingefleischten Fans quasi zum guten Ton, sich zwischen den Filmen einen solchen «Schunken» unter den Arm zu klemmen. Die Rede ist vom offiziellen Programmkatalog des Festivals. Zu Anbeginn kam er im Wachsmatrizendruck daher, heute im 54. Publikationsjahr wird er in weitaus edlerer Aufmachung verkauft, und zu seinen besten Zeiten schwoll er bis zum weit über 500-seitigen Monumental-Wälzer an. Der Katalog bildet sämtliche Filmereignisse des Grossevents mit Synopse und Würdigung mehrsprachig ab, ebenso die Rahmenanlässe, und dient mit seinem mehrfachen Inhaltsverzeichnis als Nachschlagewerk.

Kaum einer weiss besser um den Arbeitsaufwand für die jährliche Publikation als Heinz Urben, Mitglied der Geschäftsleitung und Redaktionsleiter des Katalogs. Insbesondere zwischen der Vorvisionierung und Weihnachten läuft die Redaktionsarbeit für ihn und zwei Mitarbeitende auf Hochtouren. Seit 40 Jahren verantwortet er die Produktion und Herausgabe der «Filmtage-Bibel», vor ihm lenkte Jean-Claude Käser die Geschicke der Publikation.

Rückgang der Nachfrage

«Heuer erscheint der Katalog zum letzten Mal, was ich sehr bedaure», sagt Urben. Gerade in den vergangenen fünf Jahren zeichnete sich aber ein sukzessives Schwinden der Nachfrage ab. Die offizielle Filmtage-Statistik spricht von einem Umsatzrückgang von 12 000 auf 4000 Franken in den letzten acht Jahren bis 2018. Ebenso sind die Inserateeinnahmen für den Katalog stark gesunken. Und folgerichtig wurde auch die Auflage in den letzten Jahren von 3000 Exemplare auf die Hälfte reduziert. Urben spricht von gesamthaften Produktionskosten um die 80 000 Franken. Eine Einschränkung ist übrigens schon in diesem Jahr zu spüren: Der Katalog ist mit Französisch und Deutsch nur noch zweisprachig: Englisch entfällt.

«Es gibt andere Wege, um an die gewünschten Informationen zu gelangen», so Urbens Feststellung zum Ende des Katalogs. Dabei spricht er von den digitalen Alternativen wie der Filmtage-App sowie der offiziellen Festival-Homepage – gerade die App zählte zu den Instrumenten, die noch vor fünf Jahren mit gravierenden Kinderkrankheiten zu kämpfen hatten. Doch heute sieht es etwas anders aus: «Ich bin ein Fan des Taktilen. Doch bei all meiner Liebe für das Gedruckte war dieser Schritt nun wohl nötig: Wenn es nur noch einen kleinen Liebhaberkreis gibt, die sich den Katalog Jahr für Jahr ins Regal stellt.»

Die Digitalisierung der Filmtage – auf der Leinwand begann sie vor zehn Jahren mit dem allmählichen Verschwinden der analogen 35-Millimeter-Filmrollen und dem Aufkommen der digitalen Abspielformate. Nun erfasst sie auch diesen Bereich abseits der Leinwand. Von der Entwicklung zeugt auch eine technische Neuigkeit der diesjährigen Filmtage: So können Filmtage-Besucher mobile Ladestationen mieten, sobald ihren Smartphones die Energie ausgeht. Die Filmtage-Leitung hat festgestellt, dass viele Besucher ihre Tickets per App aufs Handy laden und in Nöte geraten, wenn plötzlich der Akku leer ist. Und natürlich ist das Smartphone für viele auch zum «Programmheft» geworden.

Wie geht es weiter?

Nun wird seitens der Filmtage-Organisation über Nachfolgelösungen gebrütet: Im Raum steht die Idee, das bisherige Programmheft und den Katalog zu einem etwas ausführlichen Heft zusammenzuführen, das aber kostenlos sein soll. «Angedacht wäre eine Magazinform», so Urben. Was das digitale Angebot angeht, so wäre eine Archivfunktion wichtig: Also die Möglichkeit, sich über die Flüchtigkeit des aktuellen Filmangebots hinaus im Fundus früherer Jahre umzusehen. Urben selbst ist bereit, unter neuem redaktionellen Dach an der Publikation mitzuwirken.

Doch auch sonst dürfte es dem 62-jährigen filmtagetreuen Schaffer nicht langweilig werden. Neben seiner Geschäftsleitungsfunktion und seiner Arbeit in der Auswahlkommission beschäftigt ihn die Leidenschaft des Films auch ausserhalb der Festival-Organisation. Zusammen mit Ruth Köppl leitet er die Institution «Kinokultur in der Schule». Zu den Dienstleistungen zählt das Erstellen von Unterrichtsdokumentationen für Lehrerschaft und Schülern vom Kindergarten bis zur Maturität, sowie das Organisieren von Schulvorführungen. ‹‹Wir betrachten es als unseren Beitrag, dass in den Schulen etwas in Sachen Medienbildung geschieht.» Seine Leidenschaft – die Vermittlung – wird Heinz Urben also auch künftig nicht zu kurz kommen lassen.