Die Rythalle ist nur spärlich mit einigen Feldschlösschenflaggen und Kränzen dekoriert. Eine Tanzfläche gibt es nicht – logisch, wofür wären sonst denn Bänke und Tische da. Um 18 Uhr ist sowieso noch niemand zum Tanzen bereit, das altersdurchmischte Publikum sitzt gruppenweise an den reservierten Tischen und geniesst eine typisch bayrische Mahlzeit (Weisswürste, Haxen, Fleischkäse oder sogar Vegi-Kräuterspätzle).

Die kräftigen Serviceangestellten kommen direkt aus Deutschland und bedienen die Gäste sehr freundlich: Ob 14 Massgläser (je zirka 2 kg schwer) oder ein riesiges Holztablett, sie stemmen das Gewicht mit einem Lächeln. Beeindruckend und authentisch.

Markus Moerler, Organisator, erklärt, dass sich das Solothurner Oktoberfest stark am Original orientiere, «nur sechs Stunden Party und der Auftakt soll mit traditioneller Musik und Essen sein. Nur Saufen gibt es bei uns nicht», erklärt er.

Oktoberfeste schiessen wie Pilze aus dem Boden. Dass es sich, trotz originaler Bedienung und traditioneller Musik, um eine Kopie des kultigen Münchner Events handelt, stört die wenigsten Besucher. «Ich gehe immer auch nach München, dort ist es viel traditioneller; hier ist es Solothurn-Style. Wir Solothurner sind schliesslich gesellig, da ist jedes Fest willkommen», lächelt die 47-jährige Lidia Kozic aus Luterbach.

Jetzt schon heiser, Ziel erreicht

«Als Praxisausflug ist dies eine lustige Art, sich auch ausserhalb des Arbeitsalltags kennenzulernen», sagt Kitle Körkapan (26) aus Solothurn, die gemeinsam mit ihren Arbeitskolleginnen das Oktoberfest besucht. «Man kann mit den Freunden gemeinsam essen und trinken, dazu kommt noch die gute Partystimmung», so der 44-jährige Kurt Willi aus Kriegstetten. «Es herrscht eine tolle Stimmung», bestätigt Lidia Kozic.

Die Stimmung: Um 18 Uhr essen, trinken und schwatzen alle miteinander. Um 19.15 Uhr steht ein mutiger Lederhosenträger auf die vorderste Sitzbank, kommt aber schnell wieder hinunter – Tanzen ist noch nicht angesagt. Um 20.15 Uhr fordert die authentisch bayrische Band das Publikum zum Tanzen auf. Und siehe da: Wie auf Kommando stehen alle auf die Bänke und wippen mit. Trotz der erheblichen Unfallgefahr, die sich hinter dem Tanzen und Singen auf den engen Bänken birgt, machen alle feuchtfröhlich mit. «Ich wollte morgen heiser sein und bin es jetzt schon, mein Ziel ist also erreicht», lächelt die Grenchnerin Carmen Kummer (24) nach der Veranstaltung.

Faszination Dresscode

Singen (bzw. Grölen), Tanzen (bzw. Schwanken), Tabak schnupfen, Bier trinken und Würste essen. Dafür sind in der Schweiz Pubfeste oder Chilbis da. Aber, es gibt einen grossen Unterschied zwischen Dorffest und Oktoberfest: der Dresscode. Vor dem Oktoberfest gibt es somit keine Outfit-Sorgen; es darf ungeniert Decolleté gezeigt werden und die eng anliegenden Lederhosen dürfen aus dem Schrank hinaus. So scheint es am Oktoberfest nicht schlimm, wenn Frauen und Männer einander nicht in die Augen schauen. Wen freut es? Die balztanzwütigen Besucher und die Kaufhäuser.