Ein prunkvolleres Adventstürchen findet man nur schwer in ganz Solothurn: Zwei kupferne, vergoldete Kastenflügel verdecken zunächst noch die Sicht auf das Innere des Schreins. Die Rede ist vom Tabernakel, der in den Hochaltar der St.-Ursen-Kathedrale eingearbeitet ist und einen sakralen Schatz enthält.

Luisa Heislbetz, interimistische Pfarreileiterin, vor dem Hochaltar.

Luisa Heislbetz, interimistische Pfarreileiterin, vor dem Hochaltar.

Luisa Heislbetz, die die römisch-katholischen Pfarreien St. Ursen und St. Marien interimistisch leitet, dreht den Schlüssel zum Kästchen und zeigt, was sich dahinter verbirgt: das Allerheiligste – Hostien, die im Gottesdienst konsekriert, also geweiht, aber nicht an die Pfarrgemeinschaft gereicht wurden.

Im Tabernakel werden die Hostien aufbewahrt.

Im Tabernakel werden die Hostien aufbewahrt.

Heislbetz zieht eine Schubplatte aus der Öffnung: Mehrere prunkvolle Speisekelche, sogenannte Ziborien, treten hervor. Sie enthalten besagte Hostien, die als Kommunion auf Krankenbesuchen oder an Sterbende ausgeteilt werden.

Und: Auch besonderen Bedürfnissen und Einschränkungen des 21. Jahrhunderts wird Rechnung getragen: «Glutenfreie Hostien», sagt sie und zeigt auf ein kleines, zusätzliches Metallgefäss.

Geweihte Hostien werden generell im Tabernakel aufbewahrt – dazu brennt jeweils das Ewige Licht, eine aufgehängte «Laterne», die die stetige Gegenwart Gottes symbolisiert.

«Häuschen für die Hostie»

Der lateinische Begriff «tabernaculum» geht auf «taberna» für «Gebäude» zurück und bedeutet auf Deutsch «Häuschen» oder «Zelt». Seit dem ausgehenden 14. Jahrhundert werden Tabernakel in Altären eingebaut.

In der Gotik waren stattdessen oft kunstvoll gestaltete Sakramentshäuschen gebräuchlich, die im Kirchenraum aufgestellt waren und die Hostien enthielten.

Der Tabernakel der St.-Ursen-Kathedrale seinerseits wird aber auf einen späteren Zeitpunkt datiert: Zwar hatte der Architekt Gaetano Matteo Pisoni bereits in Entwürfen einen Hochaltar ersonnen. Zuständig für die Ausgestaltung nach Pisonis Vorlage war 1768 dann aber der Tessiner Francesco Pozzi.

16 verschiedene Marmorarten wurden im Hochaltar verarbeitet, der ursprünglich dem Chorherrenstift zugedacht und damit für die Stiftsgottesdienste, nicht aber die Pfarrgottesdienste vorgesehen war. Als Besonderheit erhielt der Solothurner Hochaltar einen Drehtabernakel: So konnte jeweils eine von drei Nischen mit einem Mechanismus nach vorne gedreht werden.

Hirsche bewachen die Hostie

150 Jahre später: Der Hochaltar befindet sich vor der grossen Kathedralenrenovation um 1916/1917 in einem «ruinösen Zustand», wie der damalige Domprobst Friedrich Schwendimann in seiner geschichtlichen Aufarbeitung dokumentierte.

Da die Bedeutung der Kathedrale als Stiftskirche nach und nach geschwunden war, und somit die Pfarrgottesdienste gestärkt wurden, wurde im Zuge der Sanierungsplanung der Ruf nach einem regulären Tabernakel laut.

So wurde der Hochaltar durch die Firma Biberstein und Bargetzi 1918 abgetragen und mit jenem Tabernakel neu aufgebaut, den man heute sieht: Der Luzerner Goldschmied Arnold Stockmann gestaltete die Kästchentüren mit zwei Hirschen, die sich am Wasser laben. «Symbolisch stützt sich das Motiv auf den Psalm 42», erklärt Heislbetz: «Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu Dir.»

Orientalisch und vermutlich im Jugendstil gestaltet, sind auf der Vorderseite reliefartig eine Palme, die Sonne und eine Landschaft abgebildet. Laut Schwendimann habe sich der Einbau des Tabernakels als Herausforderung erwiesen, musste man sich doch an der klassizistischen Gestaltung von Pozzi und Pisoni ausrichten.

Die Bedeutung des Tabernakels ist bei heutigen Messfeiern zwar ebenso gross wie damals. Nur hat sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1962 bis 1965 und der Liturgiereform um 1970 ein anderer Aspekt als zentraler Bestandteil des Gottesdienstes hinzugesellt: Gemeinschaft und Dialog. «So verschob sich der Fokus von der persönlichen Anbetung der Eucharistie in der Hostie auf die Feier der Gemeinschaft, deren Mitte Jesus Christus ist», sagt Heislbetz.

Mit diesem Wandel rückten auch die Pfarrgemeinschaft und die Geistlichen hinter dem Altar näher zueinander. Nichtsdestotrotz bleibe der Tabernakel für die Gläubigen der Ort von Gottes besonderer Gegenwart. Darüber hinaus ist er für Pfarreiangehörige wie für Touristen bis heute unter anderem auch eines: ein glanzvoller Blickfang.

Unterstützende Quelle Domprobst Friedrich Schwendimann, «St. Ursen. Kathedrale des Bistums Basel und Pfarrkirche von Solothurn», 1928.