Die Reise beginnt im Wohnzimmer. In seinem Solothurner Atelier sammelt der Fotograf Daniel Schwartz Zeitungsartikel in einem Aktenschrank. Daneben: Unzählige Regale, darin: noch mehr Bücher. «Zusammengepresste Weltgeschichte», beschreibt der 62-Jährige sein Atelier. Hier recherchiert er für die Themen, die er fotografisch umsetzt. Was ihn aktuell beschäftigt, sammelt er auf einem Tisch.

Bücher über den Krieg in Afghanistan, und jede Menge Stoff zum Thema Gletschersterben. Mit dem Klimawandel beschäftigt sich der Künstler schon seit mehreren Jahren. Nach der Recherche bereitet er sich auf eine Weltreise vor. 2015 und 2016 bereiste er drei Kontinente, fotografierte Gletscher, auch vom Hubschrauber aus. Peru, Pakistan, Uganda. Dazu Bilder der Schweizer Alpen.

Nach den Reisen ging es zurück in das Atelier in Solothurn. Dort hat Schwartz eine Dunkelkammer in einen Kubus hinter der Küche eingebaut. Die Fotos entwickelt er selbst, bestimmt danach auch das Layout für die Publikation. So wurde aus den Gletscherbildern das Buch «While the Fires Burn», das letztes Jahr erschienen ist. 

Klimawandel bis zum «Aaremürli»

«Heute ist der Klimawandel keine Hypothese mehr», sagt Schwartz zum Hintergrund seines Buches, das als Nachzug auf ein Werk erschien, welches der Solothurner bereits 1997 veröffentlichte. Auch damals ging es um Klimawandel, aber noch um absehbare Folgen in Delta-Regionen Asiens, weil die globale Erwärmung in der Schweiz eben noch «Hypothese» war. Jetzt sehe das anders aus. «You can’t deny it anymore.» Den Klimawandel könne nun niemand mehr bestreiten. So sind im Fotobuch auch Karten ehemaliger Gletscher abgebildet. Als Kontrast dazu, was von diesen Eisriesen heute noch übrig ist.

Um zu zeigen, dass der Klimawandel nicht mehr nur irgendwo in Asien Folgen hat, sondern auch hier, hat Schwartz erstmals auch Fotografien von Schweizer Sujets veröffentlicht. Sogar einzelne Fotos aus der Region finden sich im Buch: schmelzende Schneehaufen am Solothurner «Aaremürli». Natürlich nur als Symbol. Zu den einzelnen Fotografien hat der Künstler kurze Texte geschrieben. Auf Englisch. Darauf wechselt er auch im Gespräch gerne. Englisch sei eine sachliche Sprache, so Schwartz. «Bringing the message home», eine Botschaft vermitteln, das sei das Ziel.

Auf Fernsehbeitrag folgt Film

Diese Botschaft wurde auch in einen Film verpackt. Zuerst berichtete der deutsche Sender ZDF als Nachzug zur Pariser Klimakonferenz 2015 in einem Fernsehbeitrag über die Arbeit des Solothurners zum globalen Kollaps der Gletscher. So sei die Idee zu einem Film entstanden, erklärt der Künstler. «Beyond the Obvious» vom Schweizer Regisseur Vadim Jendreyko ist jetzt erstmals an den Solothurner Filmtagen zu sehen. Darin geht es einerseits um die schmelzenden Gletscher und wie Schwartz die Fotos davon zu einem Buch verarbeitet. Aber auch um den Künstler Schwartz und seine Arbeit.

Ausschnitt aus «Beyond the Obvious», ein Film über Fotograf Daniel Schwartz

Ausschnitt aus «Beyond the Obvious»

 

Der 62-Jährige arbeitet seit rund sieben Jahren wieder in Solothurn. Zuvor lebte er 30 Jahre in Zürich. Er kam aber nicht wegen Heimweh zurück, sondern, weil er eine Wohnung suchte, in der Platz für ein Fotolabor ist. Fündig geworden ist er nahe der Altstadt am Ritterquai, wo er Aufnahmen seiner vielen Reisen verarbeitet und archiviert und sich vor allem auch
künftige Reisen vorbereitet. Konflikte, Kriege, Klimawandel: Er wolle zum Ursprung der Welt-Probleme, diese realistisch abbilden, bevor Massenmedien darüber berichten.

Inhalt vor Ästhetik 

Auch die Gletscherreliefs hat sich Schwartz genau angesehen, bevor er aufbrach. Er wusste, wo sich ein Erdrutsch ereignet hat, dessen Spuren nun in einer Gletschermoräne sichtbar sind, und konnte so im jeweils richtigen Moment abdrücken. Das sei essenziell bei seiner Arbeit – der Solothurner fotografiert nämlich analog. Nach einer gewissen Anzahl geschossener Bilder braucht er Zeit, um den Film zu wechseln. «Da kann man nicht 700 Mal abknipsen, man hat ein bestimmtes Bild im Kopf und muss den richtigen Moment erwischen ... and that's it.»

Er wolle auch nicht einfach «schöne Fotos» machen. Er gebrauche Ästhetik, um den Inhalt seiner Bilder zu vermitteln. «Meine Werke sollen in 50 Jahren auch noch brauchbar sein.» Geht das nicht unter – ein analoger Fotograf im digitalen Zeitalter? Schwartz verneint, eher das
Gegenteil sei der Fall: «Wenn irgendwann Material auf USB-Sticks oder in den Tiefen des Internets verloren geht, dann kann ich eine Schublade aufmachen, und meine Bilder sind noch genauso da, wie ich sie gemacht habe.»