«Chly schwindufrei» müsse man schon sein als Dachdecker. «Wenn ich das nicht wäre, hätte ich einen Bürojob machen müssen.» Der 50-jährige Peter Huber, seit 1984 im Betrieb seines Vaters Werner aktiv, hat nur die «Stifti» auswärts absolviert. Sonst war er stets im elterlichen Dachdecker-Geschäft, das seit 52 Jahren in der Vorstadt zu Hause ist, als Geschäftsführer der Familien AG tätig. Oft in schwindelnden Höhen. «Es soll vorkommen, dass jemand plötzlich im Laufe seines Lebens nicht mehr hinauf aufs Dach und Gerüst kann. Aber mindestens so wichtig wie die Schwindelfreiheit ist, dass sich jemand bei jedem Wetter draussen bewegen kann.»

Die schönste Zeit für die Dachdecker sind der Frühling und der Herbst; im Sommer dagegen kann es auf den Ziegeldächern über 40 Grad heiss werden. «Wir arbeiten zwar auch dann, die Leistung aber sinkt ab und wir müssen viel trinken.»

Nichts läuft mehr aber bei Schnee und Eis – trotz der heutigen Sicherheitsvorkehrungen wie dem Seil und «Gschtäutli» oder bei grösseren Arbeiten auf dem obligaten Gerüst. Gefährlich kanns bei einem aufziehenden Gewitter werden, wenn plötzlich eine Böe dem Handwerker über Solothurn die schwere Dachplatte zu entreissen droht oder dem Kollegen zugeworfene Ziegel ins Trudeln geraten und eine eigene Flugbahn einschlagen.

Es wird nie langweilig

Dachdecker geniessen eine beneidenswerte Aussicht, doch manchmal kommt es zu speziellen Begegnungen: «Hausbewohner können erschrecken, wenn wir unvermittelt auf ihrer Höhe auftauchen.» Aber auch sonst wird die Arbeit nicht langweilig. Peter Huber: «Wir haben in der Altstadt viele verwinkelte Dächer. Da gibt es die Solothurner Giebel mit ihren Aufzugsfenstern, aber auch Türmchen. Und manchmal wirds richtig schwierig, wenn eine Brandmauer fehlt. Dann kann schon plötzlich der Eigentümer des Nachbarhauses erscheinen und uns sagen, wir sollen aufhören. Denn die Grundstücksgrenze ist auf den Dächern ohne Übergang oft nicht erkennbar.»

Der Familienbetrieb mit 16 Angestellten, darunter drei Lernenden, stellt sich aber dem stetigen Wandel des Berufsbildes. «Dachdecker» sei heute nicht mehr die korrekte Berufsbezeichnung. «Polybauer» heisse es nun, so Huber. Denn zum klassischen Dachdecken auf Steildächern kämen die Bereiche Flachdach, Isolationen, Gerüst- und Fassadenbau. Und für Abwechslung, ja Aufregung kann ein veritables Unwetter sorgen: Bei Sturmschäden ist der Dachdecker ein sehr gefragter Mann. So bei Sturm «Lothar» 1999 oder jenem im letzten Oktober. Dann heisst es zwar «dr Ender isch zersch», aber manchmal gelten doch andere Prioritäten: Zuerst wird dort repariert, wo Ziegel gefährlich herunterhängen, oder dort, «wo es ins Bett regnet.» Peter Hubers Erfahrung allerdings nach solchen Unwettern, die in den letzten Jahrzehnten häufiger aufgetreten sind: «Dann regnet es jeweils bei sehr vielen ins Bett.»

Ziegel ist nicht Ziegel

In der Solothurner Altstadt gilt auf den Dächern die eiserne Regel: Nur handgemachte Biberschwanzziegel dürfen es sein. Gerade nach Unwettern steigt der Bedarf nach Ersatz. Da kann bei Hubers der Jahresbedarf rasch einmal auf 20 bis 30 Paletten zu je 500 Stück ansteigen. «Es gibt gebrauchte Biberschwanzziegel im Handel. Vor allem in der Innerschweiz kann man sie wie Antiquitäten erstehen. Die Händler beschaffen sie dort von alten Bauernhöfen.» An sich hat ein Ziegeldach eine Lebensdauer von 50 bis 60 Jahren, bei einfach gedeckten Dächern in der Altstadt halbiert sich diese Zeitspanne wegen der verwendeten Schindeln.

Die Arbeit geht einem Dachdecker wie Peter Huber jedoch nie aus. Zumal gerade in der Altstadt zunehmend die Dachhäute aus energetischen Gründen isoliert werden. Und das heisst jedes Mal: Ziegel abdecken, dann neu decken. Übrigens: Ein Quadratmeter original Biberschwanzziegel kommt auf 96 bis 112 Franken zu stehen, moderne Falzziegel dagegen nur auf 40 Franken. Ein Mittelweg für 80 Franken wäre mit maschinell gefertigten Biberschwanzziegeln, auch glasiert erhältlichen «Replikas» möglich – aber nicht in der Solothurner Altstadt. Da steht die Denkmalpflege davor.

Angesprochen auf die ehemalige Handelsbank, die wenige Meter neben der Altstadt mit hellorangen Ziegeln (nicht von ihm) gedeckt werden durfte, meint Peter Huber nur lakonisch: «Das war eine Todsünde!»