Eine Lieblingspflanze habe er nicht, «ein Pianist hat ja auch keine Lieblingstaste». Anton Löffel spricht gerne und oft in Metaphern. Müsste er sich für eine Pflanze entscheiden, würde er vermutlich die Silberdistel nennen, sagt er. «Die ist ein bisschen wie mein Charakter – manchmal stachelig, aber grundsätzlich schon in Ordnung.»

Schelmisch blickt er über den Brillenrand, bevor ihm das nächste Pflänzchen ins Auge springt. Das Gebiet um den Weissenstein kennt Löffel bestens, trotzdem entdeckt er immer wieder Heilpflanzen, die er noch nie zuvor wahrgenommen hat.

Schreiner oder Drogist?

Auf die Idee, Drogist zu werden, ist Löffel durch seine Familie gekommen. Seine Mutter war ebenfalls Drogistin und sein Grossvater habe ihn als Kind oft in die Natur mitgenommen. «Schreiner und Drogist kamen in die engere Auswahl meiner Berufswünsche», erinnert er sich.

Aufgrund seiner kommunikativen Art habe er sich für die Ausbildung zum Drogisten entschieden und absolvierte dann seine Lehre in der Zeller-Drogerie in Solothurn, welche er zehn Jahre nach seinem Lehrabschluss gemeinsam mit seiner Frau Susanne übernahm. Schon während der Ausbildung begleitete er seinen Lehrmeister auf Kräuterexkursionen und versuchte, sich dabei jedes Pflänzchen einzuprägen. Heute führt Löffel selbst Exkursionen durch, welche er als eine wunderbare Abwechslung zur Arbeit in der Drogerie empfindet. «Ich kann raus in die Natur und es wird von der Gesellschaft als Arbeit akzeptiert», sagt er auf der Exkursion zwischen Weissenstein und Balmberg. Der Weissenstein und das Gebiet um St. Niklaus haben es ihm besonders angetan. Dort finde man wunderbare Heil- und Küchenkräuter, auch solche, die etwas in Vergessenheit geraten sind.

Aber es gebe überall in der Schweiz Orte, an welchen man über die Natur staunen könne, sagt er und kommt dabei ins Schwärmen. «Die Natur wirkt immer ausgeglichen und ist in sich perfekt.» Anton Löffel ist ein Ästhet, der mit beiden Beinen auf dem Boden steht. Auf die Frage, ob er sich auch selbst als bodenständig empfinde, sagt er: «Wir Menschen neigen dazu, das Leben zu verkomplizieren.» Dem versuche er entgegenzuwirken. Er empfinde sich selbst als aufmerksam und interessiert und er höre auf sein Bauchgefühl – das wirke vielleicht bodenständig. Diese Eigenschaften konnte der Kräuterhaus-Drogist besonders in Zeiten, in welchen die Naturheilkunde von der Gesellschaft etwas belächelt wurde, als Vorteil nutzen.

«Ihr mit euren Kräutern»

Die Bedeutsamkeit der Naturheilkunde erlebte in der Geschichte einen Wandel. Bis ins 20. Jahrhundert hat man auf Heilkräuter und Erfahrungsmedizin gesetzt. «Dann kam der Krieg, und mit ihm die synthetische Medizin», so Löffel. «Ich würde die synthetische Medizin niemals in Abrede stellen, es werden immer wieder wunderbare Sachen entwickelt», fügt er hinzu. Dank Antibiotika habe man unzählige Menschenleben retten können, dadurch sei aber die Naturheilkunde etwas in Vergessenheit geraten. «Die Stärken der synthetischen Medizin sehe ich in der Notfallmedizin.»

Bei chronischen Krankheiten habe man nicht mehr auf alles Antworten – da komme die Naturmedizin wieder zum Zug. Ein Vergleich ist aus Löffels Sicht aber unsinnig, da die Denkansätze komplett unterschiedlich seien. «Wir begleiten den Menschen und versuchen Lösungsansätze zu zeigen, die synthetische Medizin hingegen nimmt das Problem und löst es.» Die Naturheilkunde sei heute wieder hoch im Kurs. Sogar sein Schwiegervater habe ihm immer gesagt: «Ihr mit euren Kräutern» – und heute begleite er ihn auf seinen Exkursionen und habe erst noch Freude daran.

Wissenschaft und Erfahrung

Dass die Naturheilkunde nicht immer ernst genommen wird, könnte auch mit der Tatsache zusammenhängen, dass die Wirkung nicht immer wissenschaftlich belegbar ist. Naturwissenschaftlern stehen vermutlich die Haare zu Berge, wenn Anton Löffel von Erfahrungsmedizin spricht. Doch genau so empfindet es der Naturheilkundler: «Die Naturmedizin hat immer einen Erfahrungscharakter und einen wissenschaftlichen Charakter.» Als Beispiel nennt er Stresshormone, welche man zwar messen könne, nicht aber, was ein Mensch genau dabei empfinde. «Kritik an der Naturheilkunde lasse ich meistens im Raum stehen», sagt Löffel.

Er könne und wolle niemanden zwingen, an etwas zu glauben. «Ich muss mich nicht verteidigen, ich weiss ja, was funktioniert und was nicht.» Zudem werde laut Löffel oft ein Aspekt vergessen: Vieles aus der Naturheilkunde wäre vermutlich belegbar, als ein in der Natur wachsendes Gut sind Heilkräuter aber nicht patentierbar. Deshalb sei der wirtschaftliche Ertrag nicht besonders hoch, was dazu führe, dass in dem Bereich wenig geforscht werde.

Wenn es darum geht, mit Kritik umzugehen, komme ihm oft ein Zitat von Goethe in den Sinn: «Kindlein, liebet euch, und wenn das nicht gehen will, lasst wenigstens einander gelten». Für eine Silberdistel ziemlich poetisch.