Geschichte

Diese Frau kochte für die Royal Air Force

Elisabeth Howald mit einer alten Fotografie von ihr.

Elisabeth Howald mit einer alten Fotografie von ihr.

Elisabeth Howald, heute 94, diente im Zweiten Weltkrieg der Luftwaffe der britischen Armee. Dort lernte sie auch zu «parieren und zu salutieren.»

1939. Der Zweite Weltkrieg bricht aus. In London meldet sich eine 23-jährige Frau bei einer Stelle, wo junge Soldaten angeworben werden. Die ausgebildete Köchin hatte wenige Jahre zuvor die Schweiz verlassen, um ihren Onkel in London zu besuchen, und bei einer Schweizer Familie eine Stelle als Köchin und Haushalthilfe angetreten. «Als der Krieg ausbrach, wollte meine Arbeitgeberin in die Schweiz zurück. Ich war mit der vielen Arbeit alleingelassen», erzählt Elisabeth Howald. Auch für sie stellte sich die Frage: Nach Hause gehen oder bleiben? Sie entschloss sich, vor Ort eine neue Stelle zu suchen. «Join up the Air Force (Gehen sie zur Air Force)», riet man ihr. Sie meldete sich beim Rekrutierungsbüro der RAF und wurde an die WAAF (Women’s Auxiliary Air Force) weitergeleitet, die armeetaugliche Frauen entsprechenden Aufgaben zuwies.

«Ich lernte das Salutieren»

Vorerst musste Howald allerdings bei den Schweizer Behörden vorstellig werden. Nachdem die Formalitäten geregelt waren, wurde sie einem Kantonement zugeteilt, bei dem sie lernen musste «zu parieren und salutieren». Als dieser Lehrgang beendet war, kam die nächste Prüfung. «Ich musste lernen, militärisch zu kochen», erinnert sich Howald, die soeben ihr 94. Lebensjahr vollendet hat. Hierzu kam sie in ein Camp, dem rund 20000 Männer und Frauen angehörten und zu dem auch ein Spital zählte. «Dort blieb ich zwei Jahre und wurde in Schichtarbeit als Köchin eingesetzt.»

Der Alltag war hart, aber die Tochter eines Viehhändlers aus Niederönz hielt durch und liess sich nicht beirren. Auch vor Luftangriffen hatte sie keine Angst: «Ich wäre ja nicht die Einzige gewesen, die hätte sterben müssen», sagt sie mit einem breiten Lachen, das Zuversicht ausstrahlt. Zudem gab es Highlights, an die sich die Kriegsveteranin in fremden Diensten gerne erinnert: «Einmal durfte ich alleine für 100 Männer kochen, die Flugzeuge reparierten, die sie unter Bäumen versteckt hatten.» Und ein anderes Mal wurde die unerschrockene Schweizerin dem Camp-Kommandanten und seiner Familie zugewiesen. «Das gefiel mir gut, weil ich das Menü selbst machen und die Speisen nach meinem Geschmack garnieren konnte.»

«Ich wollte keine Deserteurin sein»

Doch als Elisabeth Howald nach diesem Abstecher ins Camp zurückkehrte, erkrankte sie an Scharlach und wurde zur Erholung nach Schottland und später nach Wales ans Meer geschickt. In Schottland lernte sie in der Offiziersmesse einen Barmann kennen, der nicht nur an ihr Wohlgefallen fand, sondern auch damit liebäugelte, nach dem Krieg ein Restaurant zu eröffnen. «Ich war mir nicht sicher, ob er mich nur haben wollte, weil ich kochen konnte oder ob er mich tatsächlich liebte.»

Die stets begehrte Frau blieb zeitlebens ledig und wurde im Laufe des Krieges auch nach Frankreich und Belgien verlegt. Ihren Urlaub verbrachte sie immer wieder in der Schweiz, meist mit Retourbillett in der Tasche. «Schliesslich wollte ich keine Deserteurin sein.» Als sie einmal die Schweiz wieder verliess, bestieg sie in Grenchen Nord einen Zug, in dem lauter Gefangene aus Italien sassen. «Der Zug hielt nur meinetwegen an. Ich war die einzige Nichtgefangene.»

Heimweh nach Yorkshire Pudding

Nachdem der Krieg zu Ende war, arbeitete Elisabeth Howald in einem Baracken-Restaurant, in Hotels und im Warenhaus «Liberty», wo sie Christmas Puddings und Christmas Pies herstellte. 1965 kehrte Howald in die Schweiz zurück. Rückenprobleme zwangen sie, ihren Beruf aufzugeben und als Zimmermädchen zu arbeiten. Seit fünf Jahren lebt sie im Altersheim Thüringenhaus. In ihrer kleinen Bibliothek stösst man auf englische Bücher, die sie schon viele Male gelesen hat. An den Wänden hängen nebst Kriegsmedaillen selbst gemachte Gobelins. In einem Korb warten selbst gemachte Stofftierchen auf Streicheleinheiten. Auf dem Fensterbrett sonnen sich Geranien in der Herbstsonne. Elisabeth Howalds Augen sind schwächer geworden, und das Gehör lässt ebenfalls nach. Ansonsten ist sie vital und gesprächig geblieben. Manchmal wird sie vom Heimweh gepackt, vom Heimweh nach Mint Pie, Schweinspastete und Yorkshire Pudding.

Meistgesehen

Artboard 1